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Umgang mit selbstgefährdenden Verhaltensweisen?

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25.12.15, 20:40:19

towerowitch

Hallo,

dies ist mein erster Beitrag hier - und ich oute mich mal als Teil der "dunklen Seite der Macht"; kurz: ich bin studierter Behindertenpädagoge (gefällt mir begrifflich besser als Diplom Pädagoge mit den Studienschwerpunkt Heil- und Sonderpädagogik - einfach weil ich erstens nicht heilen kann, will oder meist auch müsste, und zweitens weil Sonder als Vorsilbe nur den ersten Punkt wiederholt und Quark ist...) - was noch schlimmer wiegt, ist aber meine Tätigkeit als Wohngruppenleitung in einer Einrichtung für - darf ich der Nettiquette nach nicht schreiben, ist richtig so! - also für geistigbehinderte Menschen (ist mir so auch lieber, weil ich mich nicht nur als "Behindertenpädagoge" sehe, sondern auch noch wert darauf lege innerhalb dieses Rahmens auf das Präfix "materialistisch" zu bestehen = ich bin also auch noch eine linke Socke)...
Jetzt aber mal zu meinem Anliegen - und dachte brauche ich wirklich mal einen gedanklichen Schubs:
Seit etwa 8 Monaten "betreuen" (ich setzte die Anführungszeichen meist, wenn ich Begriffe für kritisch halte, mir aber sonst entweder keinen besseren einfallen, oder aber bessere ihrerseits soviel Erklärungsbedarf hätten, dass dies den Lesefluß komplett unterwandern würde - und ja auch weiß, ich habe echt kein Diplom in leichter Sprache und Schachtelsätze sind ein Hobby von mir - sorry) meine KollegInnen und ich einen 25jährigen Mann, dem vor knapp 4 Jahren die Diagnose "atypischer Autismus" zuteil wurde (ich bin noch in einer Welt sozialisiert worden, wo man Kanner oder Asperger rief und dem "Rest" irgendwelche tiefgreifend klingenden, aber ebenso nutzlose Etiketten ans Bein heftete - oder sie als "Geistigbehinderte" abstempelte...). Okay, jetzt halt "atypisch",nun gut. Fakt ist, dass der Mann innerhalb unseres klassischen "Settings" (ich rede jetzt mal über die Einrichtungsseite) kaum mehr als "betreubar" erschien - ständig kam es zu gewalttätigen Eskalationen, Übergriffen, etc.pp., die ich jedoch weitgehend als nachvollziehbar erachte. Nach dem Umzug, stellte sich nun die Frage: Wie wird es weitergehen? Der Mann wird einmal wöchentlich von einem Psychologen des hiesigen Autismustherapieinstituts "betreut"; die Zusammenarbeit bewerte ich als sehr gut - die vorhergehende Wohngruppe hatte kein Interesse an einer Zusammenarbeit. Die Zusammenarbeit mit den Eltern, vorrangig der Mutter, läuft auch sehr gut - obwohl diese vorher als komplett übergriffig und unkooperativ beschrieben wurde...
Die "Betreuung" des Mannes läuft eigentlich auch ganz gut und er wirkt auch nicht so, als sei er im Wohnumfeld besonders "überfordert" (was ja auch sein kann, wenn fast ein Dutzend täglich wechselnde Mitarbeiter etwas von einem wollen - ich bin mit meiner Frau und 2 Kindern da schon am Limit...). Gewalttätige Übergriffe gab es bisher noch gar keine, gelegentlich ging mal etwas in seinem Zimmer kaputt, wenn was auf der Wohngruppe kaputt ging wurde dies thematisiert und angemahnt dies zu unterlassen.
Seit etwa 3 Monaten haben wir jedoch das Problem, dass der junge Mann ständig Dinge zu sich nimmt (dieses Muster hatte er auch schonmal in der Pubertät), die ansich eine sofortige Konsultation eines Arztes bedürften: WC-Reiniger, Desinfektionsmittel, Reißzwecken, etc. 7-8mal wurde er daraufhin ins Krankenhaus eingeliefert (Begründung für sein Verhalten sind meist Konflikte am Arbeitsplatz und dass die Schwestern da so nett sind).
Defakto sehe ich mich gerade in einer Zwickmühle: Kommt er zu mir und sagt: Die Flasche Desinfektionsmittel habe ich leergetrunken, müsste ich einen Notarzt verständigen; auch wenn ich weiß: Erstens nie im Leben und zweitens, was da riecht, war allenfalls ein Minischluck - der Einsatz der Medizinarmada wäre unverhältnismäßig... - allerdings kann ich nicht so handeln, weil wenn etwas wäre, stehe ich oder meine Mitarbeiter mit einem Bein im Knast!
Naja, noch längeren Gesprächen, hat er sich jetzt auf Reißzwecken und co. verlegt - und das komplette medizinische System springt darauf an: Der will sich umbringen, der muss in die Geschlossene, etc.pp.
Ich für meinen Teil sehe es so: Autismus kann mit Melperon, Benzos und co. nicht behandelt werden und eine grundlegende psychische Störung, die man mit Pillen behandeln müsste, ist m.E. auch nicht vorhanden (ich habe 15 Jahre mit psychisch "Kranken" gearbeitet, die "Denken" anders!). Fakt ist aber auch: Dieses "Fehlverhalten" muss weg! (Es mag ja individuell sinnvoll sein, ist m.E. sogar Teil einer Entwicklungskrise - die "Fortschritte" sind nicht zu übersehen, allerdings ist vieles von dem Neuen noch nicht in die Persönlichkeit des Mannes integriert - nur wenn ich da jetzt Pillen draufwerfe, war alles für die Katz!).
Kurz: Ich brauche Hilfe, damit bei mir der Groschen fällt, und wenn ihr nur 2 Cent hab, summiert sich dies! Danke

LG
T
25.12.15, 20:56:35

Antares

geändert von: Antares - 25.12.15, 21:00:06

Was hältst Du davon seinem Wunsch zu folgen, den er damit äußert:

- Konflikte am Arbeitsplatz sind extrem unangenehm
- die Schwestern sind drastisch netter, wie die Leute in der Wohngruppe

Fazit:

Am Arbeitsplatz läuft was völlig schief mit den Konflikten und in der WG auch wenn Krankenschwestern als ganz besonders positiv bewertet werden. Anscheinend sind die Konflikte und die Leute in der WG schlimmer wie:

- die Folgen von Minischlücken Desinfektionsmitteln
- Reißngeln und Co.

Das ist kein "Fehlverhalten" sondern Kommunikation. Er möchte Dir aus meiner Sicht etwas mitteilen. Und zwar genau das was er gesagt hat, was Du aber nur in Klammern erwähnst. Darum geht es.

Er fühlt sich unwohl und keiner hilft ihm.

Egal welche Diagnosen er hat, wie Du das nennst und beurteilst, Dich nennst und bewertest. Sei doch bitte so nett und unterstütze ihn bei den Konflikten auf Arbeit mit seinem Wunsch, was er denn lieber möchte und hilf ihm etwas "wie die Schwestern" in sein Leben zu integrieren, bzw das was er damit meidet aus seinem Leben zu verbannen.

Und wenn Du etwas über Autisten lernen möchtest, dann empfehle ich Dir diese Links von zwei Autisten-Gruppen, die in der Selbsthilfe aktiv sind:

http://autisten.enthinderung.de/kollision/
http://www.white-unicorn.org/

Aus Deiner Sicht beschrieben hat das was Du beschreibst aus meiner Sicht aber wenig mit Autist, denn eher als Mensch dem niemand zu hört zu tun.

25.12.15, 22:45:21

towerowitch

Hallo,

der erste Link trifft es m.E. gar nicht - inhaltlich ist mir das meiste vertraut, trifft aber die Person nicht. Den zweiten muss ich mir mal in Ruhe durchlesen, danke.
"Aus Deiner Sicht beschrieben hat das was Du beschreibst aus meiner Sicht aber wenig mit Autist, denn eher als Mensch dem niemand zu hört zu tun." - ja, dies trifft her zu! Ich sehe/höre bei dem Mann eine Menge "Subtext" - 10 Jahre Heim, Konflikte auf der Arbeit, sexuelle Bedürfnisse, unverarbeitete "Behinderung" (Erfahrung von gesellschaftlicher Isolation, keine Frage und auch mein Thema.
Die "Krankenschwestern" sind aber auch nicht wirklich "netter", sondern bedienen ein Muster: Toll, jetzt habe ich es geschafft ins KH zu kommen (selbstbestimmt) - eigentlich war es da langweilig, aber da gab es eine Blonde mit dicken Brüsten (ebenso, wie es eine entsprechende Polizistin gab, die ihm begegnete, als er auf Aufforderung seiner Arbeitskollegen eine Mitbeschäftigte sexuell "belästigte"...).
Bzgl. der Arbeitssituation kann ich nicht mehr tun, als ich getan habe: Wenn er nicht gehen will, dann geht er nicht - die Hilfsstütze Begleitung durch mich, ist noch zu hoch...
Der typische Tag sieht dann etwa so aus: ab 7.30 Uhr steht er auf der WG und sucht Aufmerksamkeit (ist ja legitim, keine Frage - allerdings klopft er bei der Pflege dann ständig an die Tür seiner Mitbewohner) - und dies - ich habe es gestoppt im 3Minuten-Takt. Ablenkung findet er allenfalls kurzfristig beim Fernsehen - allerdings wollen nicht alle seine Mitbewohner KIKA schauen - und seine Fernseher zerstört er in schöner Regelmäßigkeit...
Was die Krankenschwestern bieten, lässt sich sehr kurz fassen: Entlastung sein Leben selbst zu führen - bei gleichzeitigem Wunsch es selbst in die Hand zu nehmen, stellt dies jenseits des KH aber eine gewisse Hürde dar...

Ich muss mal drüber schlafen, ggf. schreibe ich morgen noch was.


26.12.15, 07:54:18

Antares

geändert von: Antares - 26.12.15, 08:13:48

Ich lese hier an Bedürfnissen, die ich nun aus Deinem Text fische. Er ist ein Mensch und hat alle Bedürfnisse wie Menschen sie haben. Deshalb schreibe ich dazu, wie ich es beobachte, wie Menschen diese Bedürfnisse befriedigen:

- sexuelle Bedürfnisse (Rotlicht)
- Konflikte auf Arbeit (Arbeitswechsel)
- gesellschaftliche Isolation (Barrierefreiheit)
- Selbstbestimmtheit (Entscheidungen treffen)
- Langeweile (Kika schauen)
- WG-Mitbewohner nicht stimmig (Wohnungswechsel Einzelwohnen)

Wenn ich das so lese ist er besser im betreuten Einzelwohnen aufgehoben und einer anderen Arbeit vielleicht? Was sagt er denn dazu? Würde er sich das wünschen? Falls ja, wie kann man das ändern und dahin gehend umsetzen, was er sich wünscht? Eine WG wäre für viele Autisten ob der verlorenen Autonomie eine große Barriere. Dann kann er sich den Wunsch des Kika-Fernsehens erfüllen. Ggf ist hier sowieso ein Fernseher auch nicht praktisch. Ein Laptop mit vielen DVDs die er selbstbestimmt wechseln kann wäre besser ggf. oder ein I-Tunes-Kanal mit Filmen. Das Ganze mit guten Kopfhörern wenn er sowas mag, dann ist es auch ruhig in der WG? Wenn ihm viel langweilig ist, dann fehlt ihm als Autist ein Spezialinteresse ggf? Was macht er denn ganz besonders gern? Hat er die Möglichkeit das um zu setzen, was er braucht um glücklich zu sein? Ich arbeite ja eher mit Kindern aber das ist auch manchmal einfach nur eine ganz bestimmte Zeitungssorte, die dann in mini-kleine Schnipsel zerrissen wird - das geht bis hin zu riesigen Legowelten die aufgebaut werden über Reiten/Pferde uvm.

Fördere die Entlastung sein Leben selbst zu führen. Begleite ihn das um zu setzen, was seine Bedrüfnisse sind. Barrieren hat er gewiss in seinem Leben, zumindest eine soziale in der WG und auf Arbeit so sein zu können wie er ist.
26.12.15, 21:05:50

towerowitch

Hallo Antares,

hmm, natürlich ist er ein Mensch...leider ist er über viele Jahre zu Mit-Mensch gemacht worden (also was hier zu Recht verpönt ist: mit geistiger Be..., mit AHDS, der ganze diagnostische Schrott, hinter dem es sich zu gut auf "Wartung und Pflege" reduzieren lässt)...
Ich habe es lieber, dass wenn "Diagnosen", dann auch welche, die individuell auch Sinn machen - dazu nehme ich auf lieber meine Beobachtungen aus dem Alltag und versuche sie, wenn möglich auch lebensgeschichtlich einzuordnen.
Eine sog. "Geistige Behinderung" sehe ich nicht, kann in der Akte bleiben, denn ich arbeite lieber mit Menschen statt mit Buchdeckeln. Wer mir problemlos einen Wochenplan vorlesen kann, obwohl er behauptet, dass er nicht lesen kann, hat eher ein Problem mit dem Selbstbild, welches er mit in Interaktion mit seiner Umwelt ausgemacht hat, als mit kognitiven "Funktionen" (dass ich es bis zum Abitur geschafft habe, ist ja auch kein Ergebnis einer Diagnose, sondern Ergebnis, dass ich die Anforderungen, die dafür notwendig sind, bestanden habe...). Die zeitliche Orientierung ist auch kein Problem, auch das Lesen der Uhr klappt, wenn es denn sein muss (auch hier wieder eine Selbstbildfrage...). Probleme sehe ich eher im Bereich Rechnen, Mengen und Raum sind schwierig zu erfassen; allerdings ist die Frage, was mir die Erkenntnis bringt, wenn es lebenspraktisch okay ist...
Sexuelle Bedürfnisse: Schwierige Frage, denke da ist vieles von Gleichaltrigen und den Medien "abgehört". Beate Uhse war er schon - Resultat: Die Gummibärchen (also die in Penis- und Brustform) sind lustig, wann gehen wir wieder dahin? Verbal ausschlachten, lässt sich das Thema immerhin: Neulich hatte ich mal etwas Unruhe auf der WG gehört, weil eine MA in doch relativ deutlich aufforderte, dass er den Mitarbeiterinnen nicht an die Brust zu greifen habe - als ich ihn darauf ansprach, "prahlte", er habe XY1 an die Brust gegriffen. Als ich diese fragte, stellte sich heraus, dass er lediglich die Knöpfe ihr Weste gezählt habe und einer davon war - logischerweise für Westen - zwischen ihren Brüsten, also wanderte auch seine Hand da lang. Ein paar Monate vorher, erfuhr ich, dass man ihn nicht mehr alleine telefonieren lassen könnte - mit unserem WG-Telefon - weil er XY2 privat angerufen habe - defakto hatte er ihr auf die Mailbox geredet; die Nummer war direkt vor der seiner Mutter im Adressbuch abgespeichert - riesen Show und doch nur verwählt...
Auf Nachfrage, was dicke Brüste für ihn wichtig macht, kommt Schulterzucken, auf seine Aussage, dass er gerne mal ein Mädchen mit ins Bett nehmen würde, kam auch die Nachfrage: Und dann? - nichts. Letztes Jahr war er auf einem Stadtfest und hat eigener Aussage nach Mädchen "angemacht" - seine Mutter war auch dort und hat ihn beobachtet - also ohne sein Wissen (klingt schräg, ich weiß) und hat die 4 Damen danach gefragt, was er von ihnen wollte: 4mal die Auskunft: Er habe gesagt, dass er dann und dann wieder Zuhause sein müsste und wollte wissen, wieviel Uhr es ist! Denke, das ist immo noch nicht Thema, zumindest keines, was inhaltlich vorranig befriedigt werden müsste. Eher sollte man dies als Kontaktsuche unter dem Aspekt - Peer-Group betrachten...
Arbeitsplatzwechsel: Ja, da passt wenig, außer eben dem Gruppenleiter dort, der ganz wichtig ist. Zum Arbeitsplatz muss man aber sagen, dass er vorher 2 Jahre im Berufsbildungsbereich war und wirklich auf jeder Etappe massivst angeeeckt ist, was in seiner wirklich ausgeprägten Distanzlosigkeit begründet liegt (hier liegt wirklich einiges im Argen - vollkommen atypisch eben, sucht er ständig Kontakt zu den Betreuern - mit ständig meine ich, wenn er auf der WG ist, etwa 2-3min, bis ich wieder irgendetwas gefragt werde und/oder angefasst werde - und in der Zwischenzeit hat er mind. eine weiteren Kontakt zu Kollegen. Wir haben versucht, ihm unsichtbare Grenzen zu vermitteln, die "versteht" er eher räumlich, und es ist wirklich unangenehm, jemanden im Bett zu waschen, wenn vor der Tür ständig irgendwas gefragt wird - während es nur Fragen, die noch Beantwortung erledigt sind, okay, aber dann kommt die nächste und nächste und nächste - und bei der Mutter ist es ähnlich, nicht mal telefonieren kann sie mit mir, wenn er in ihrer Nähe ist...).
Gesellschaftliche Isolation: ich nenne es mal "Auseinandersetzung mit der eigenen Beeinträchtigung" - da lief früher vieles schief. Ich sehe es eher so: Wenn du dies und dies machen willst, mache es - alleine in die Stadt fahren, etc. Dennoch sehe ich deutlich, dass da gerade einiges läuft - habe 3 MA im gleichen Alter und da ist wirklich viel Dynamik drin - ich bin zu alt dafür und werde allenfalls noch "Papa" genannt... Große Baustelle
Langeweile: ständig! Das Problem ist, dass er wirklich fast nichts alleine tun will, und eine 24h-1:1-Betreuung kann niemand realisieren! Früher hat er gerne gepuzzelt, heute macht er dies max. 20min, gleiches gilt fürs TV. Das Zimmer kann aussehen, wie es will, selbst mit 1:1-Betreuung kommt man da kaum vorwärst. Gebe ich ihm eine neue Aufgabe, macht er sie den ersten Tag gut, den zweiten lustlos und den dritten gar nicht mehr... Klar formuliert er Wünsche: Ich will einen Fernseher - eine Woche später kaputt (soweit zum Thema KIKA schauen... inhaltlich geht es doch wohl um Anderes), ich will ein Smartphone - 3 Tage später Spider-App nach draufschlagen mit einem Hammer... Spezialinteresse? Schön wärs - Krankenhäuser, allerdings sind die auch nach einem Tag uninteressant... Deshalb habe ich ja auch so Muffensausen, wenn man ihm die Psychiatrie anbietet - das hatten ja schon A und B aus der Werkstattgruppe - okay, die fanden das scheiße, aber ich war noch nicht dort... Was dabei herauskommt, ist ein mit Drogen zugeschmissenes "Etwas", das dort "Drehtürpatient" wird....
WG oder Einzelwohnen: Sagen wir es mal so - ich hätte nie gedacht, dass er überhaupt für Mitbewohner zugänglich ist, allerdings erlebe ich derzeit viel wirklich Bedenkenswertes! Im Gegensatz zu seiner vorherigen Wohngruppe, die fast ausschliesslich aus Gleichaltrigen bestand, ist er bei uns extrem freundlich zu den älteren Bewohnern und wird von diesen geschätzt (im Gegensatz zu seinen persönlichen Erfahrungen mit alten Menschen - seine Großmutter hasst er und über den Opa sagt er, dass er froh ist, dass der tot sei...). Konflikte sind eher selten und werden gewaltfrei gelöst. Er hat ein Appartement außerhalb der WG, was er aber selbst kaum nutzt, da er den ständigen Kontakt zu den Mitarbeitern sucht. Konflikte gibt es eher im Haus, da trifft er ehemalige Mitarbeiter oder aktuelle Arbeitskollegen - und dann "tillt" er halt aus - die Reißnägel und co., aber dies ist eine Bühne, die nicht auf der WG spielt (selbst wenn er bei der Mutter/Eltern ist - Vater ist da eher "Beiwerk" - ruft er mind. 2mal täglich an, um zu fragen, wer da ist, wie es einem geht, was mich meine Kinder Nerven kosten, wann XY1 oder XY2, oder sonstwer kommt und Dienst hat - klar hat er "Favouriten", allerdings ist ihm kein MA so zuwider, dass er diesen mit dem Tode bedrohen würde, so wie dies früher mal war - etc.pp.), teilweise mutet dies wie Flashbacks an (zumal manche Konflikte eigentlich Jahre her sind!)...
Einzelwohnen? Selbst die Minimalanforderungen hierzu kann er im aktuellen Setting nicht umsetzen, klar wäre dies eine Lösung - ich fürchte aber, dass dies der weiteren "emotionalen Pauperisierung", die er aufgrund von mehr als 10 Jahren Heim erlitten hat, Vorschub leisten würde...

LG
T

P.S.: Kurz angemerkt: Ich finde den Austausch mit Antares gut, allerdings würde ich mir nochmal ein weiteres Feedback aus "Betroffenenseite" wünschen
27.12.15, 10:29:28

Antares

*grins* Ich bin Autistin. Aber nicht "betroffen". Ich bin gern und glücklich so, wie ich bin. Autistin, Inselbegabt im visuellen Bereich, Dyspraxie... so meine Diagnosen.

Von Heimen betroffen - keine Ahnung ob hier jemals jemand hin kommt der in einem Heim landet. Bisher erlebe ich es wie Du. Wenn Heim oder gar Psychiatrie gewählt werden von den Eltern und / oder Betreuern, ist nicht mehr viel übrig von dem Menschen irgend wann.

Auch in anderen Foren oder im Leben draußen bin ich noch nie auf jemanden getroffen, der vom Heim oder Psychiatrie betroffen ist. Ich überlege zu Deinem Text und denke nach, vielleicht fällt mir etwas ein. Heime versuche ich bei den Eltern und Kindern immer zu vermeiden.

- macht eure Kinder nicht zu Waisen
- das sind keine Haustiere, die man ins Heim gibt
- Autisten abstoßen ist immer für die dann betroffenen von Heim und Psychiatrie hart

Es gibt hierzu einen Artikel, vielleicht interessiert er Dich:

http://autismus-kultur.de/autismus/politik/autismus-heim.html

28.12.15, 11:42:52

grimmley

geändert von: grimmley - 28.12.15, 11:44:32

sexualitaet und psycho-plaetze und heime und alle "in der einrichtung leben"-"unterkuenfte" ist keine gute kombination, vorallem in diese kinder-jugend-jungeerwachsenen staetten.
fernseher machen nunmal aggresiv...
wer braucht schon ein smartphone, wenn es mp3 player geben tuht und internetz zugan via pcs?
benzos helfen bestimmt nicht, aber vielleicht kontakt mit einem hund.!?
ambulant betreuetes ei-n-zellen-wohnen scheint eigentlich eine gute loesung zu seine, vor-raus-gesetzt, dass er ein betreungsmensch braucht wo ein gewisses "verstaendnis" da ist. (hab ich gemacht, nachdem ich aus der letzten eine-richtung in, in der ich stationiert wahr, in die obdachlosigkeit abgehauen bin. da bin ich jetzt seit einer gansen weile schon.)
viehleicht haette er auch freude daran die verantwortung, e.g. fuehr eine pflanze, die bei ihm im zimmer steht zu ubernehemen.
28.12.15, 23:36:30

towerowitch

Hallo Grimmley,

ich hoffe sie nehmen keinen Anstoß daran, dass ich ihren Nick großschreibe.
Mich macht fernsehen, auch ohne Autismus-Diagnose, auch aggressiv....
Die Sache mit Internetzugang ist in Arbeit - ich habe auch erst seit 2 Monaten ein Smartphone und könnte es täglich an die Wand werfen....
Hund ist eine gute Idee, aber leider unterliegt man, bzw. ich, in Deutschland unter sovielen "Auflagen", dass man nur kotzen möchte - so gint es in unserer Einrichtung mehrere Mitarbeiter, die im Bereich tiergestützte Kommunikation ausgebildet sind, aber die dürfen diese Dienste intern aus steuerrechtlichen Gründen nicht anbieten...
Verantwortung ist hier klar Thema, nur dafür fehlen viele Grundlagen....

Gruß
T.
29.12.15, 06:05:22

Bicycle

geändert von: Bicycle - 29.12.15, 07:27:03

Nur eine kurze Frage zu dir: Warst du hier schon mal angemeldet unter einem anderen Usernamen?
Irgendwie kommt mir die Einleitung über dich selbst, bekannt vor.

Vielleicht überschneidet sich manches mit dem, was Antares bereits schrieb.

Ich kann nur raten, wissen tu ich es nicht.
Dass er sich selbst absichtlich gefährdet, glaube ich nicht. Auch nicht dass er nur Aufmerksamkeit will.
Die Ursache könnte Überforderung sein. Aber nicht unbedingt aufgrund der Situation, sondern vielleicht eher aufgrund des Gefühls welches die Situation in ihm auslöst und er mit diesen Gefühlen nicht zurecht kommt. Durch die vermutlich ständige Überreizung ist er allerdings nicht in der Lage diese Gefühle zu akzeptieren oder darüber nachzudenken.

Mal abgesehen von der Ursache mal etwas zu dem selbstgefährdenden Symptom.
Ich habe noch nie Desinfektionsmittel getrunken. Wirkt es kühlend? Wirkt es reizend? Wirkt es wärmend? Bezogen vorallem auf den Mundbereich und die Speißeröhre.
Ich habe schon länger kein Desinfektionsmittel mehr gerochen, deshalb komme ich gerade auch nicht darauf wie es riecht. Riecht es nicht wie Vodka? Wirkt es dann auch so auf den Körper wenn man es trinkt? (Mal abgesehen von weiteren Wirkungen, besoffen sein etc.)
Dann könnte man ihn Vodka zur Verfügung stellen, natürlich in kleinen Mengen, wobei er eventuell auch selbst nur kleine Mengen trinken würde. So würde er zumindest kein Desinfektionsmittel mehr trinken.
Ich weiß nicht warum, aber irgendwie kommt mir in den Sinn, dass Götterspeise oder Pudding eventuell auch funktioniert.

Reißzwecken hatte ich auch schon mal in Mund genommen, aber nicht geschluckt. Die haben ein interessantes Gefühl, welches ich mir durchaus wirksam vorstellen könnte, dass man sich damit gut ablenken kann. Sie pieksen etwas, aber nicht zu stark, sie kratzen eher. Zusätzlich schmecken sie etwas nach Metall.
Deshalb wäre vielleicht eine Alternative in Richtung Tabletten etwas, welche scharfkantig empfunden werden können und etwas nach Metall schmecken. Eventuell Mineraltabletten. Die sind nicht unbedingt schädlich.
Vielleicht wären auch Chili Samen etwas. Oder eine andere Kleinigkeit die scharf ist.
(Edit: Trockener Reis oder trockene Nudeln könnte auch funktionieren. Besonder trockene Nudeln wenn man sie einmal zerbeißt.)

Wie man ihn die Alternativen unterjubelt, weiß ich aber auch nicht so richtig. Er ist klug, also kann man ihn das vielleicht auch einfach als Alternativen empfehlen?!

Dass er ständig unterhalten werden will (nicht zwingend in Form eines Gesprächs), könnte auch dafür sprechen, dass er ständig unter innerer Anspannung steht.

Er bräuchte wahrscheinlich mehr Ruhe. Kein Mitbewohner wäre aber glaub ich auch nicht so gut. Das würde ihn denke ich, vorallem am Anfang, auch wieder überfordern. Er braucht verständnisvolle Mitbewohner, die ihn einfach sein lassen und auch mal "Fragestunden" mitmachen, wenn er das braucht.
Wo man solche Mitbewohner findet, weiß ich nicht.
Wenn er mehr Ruhe hat, wird er sicherlich auch seine eigenen Hobbies finden mit denen er sich dann beschäftigen kann. Ob das Geld bringt oder nicht, ist ja eigentlich egal. Hauptsache er ist nicht mehr so überfordert, was er scheinbar ist.
29.12.15, 21:10:43

towerowitch

Hallo Bicycle,

zur ersten Frage: Nein, ich bin hier neu im Forum!
Absichtliche Gefährdung schliesse ich auch aus - wer Entsprechendes vorhat, spült nicht den Mund damit, um zu belegen, dass er was davon getrunken hat. Schwierig wirds halt bei eigenen Aussagen, da hat er dies stets komplett getrunken haben will - wer will, kann gerne mal nachrechnen, wieviel 500ml 99% Alkohol - der selbst bei extremer Geschmacksdeprivation nicht zu geniessen wäre und zudem, weil für den Heimbereich, auch nur mit Bitterstoffen und co. versetzt - in Flaschen Bier entspräche...und kein Blutalkoholtest in den Klinken wies einen erhöhten Alkoholwert nach! Alkohol kann er zu sich nehmen, wann er will - allerdings scheint dies nicht die Thematik zu sein, also vom Geschmack her - er will einfach alles konsumieren, bei Gelegentheit macht er dies auch, aber ohne harte Sache zu bevorzugen... Mit nem halben Liter Bier ist er eigentlich auch schon relativ platt...
Ja, Gefühle sind ein Thema - allerdings findet sich da schwerlich ein Weg, weil die Aktionen eigentlich alle am späten Abend (also er geht für ins Bett, für ihn spät) stattfinden - vorher ist alles immer total super: Ausgeglichen, gehobene Stimmung, auf Nachfrage alles super... - irgendwann kippt dies aber um (als würde der erwachsene, selbstkontrollierte Teil des Körpers früher schlafen als die kindlichen Anteile - ich kanns grad nicht anders schreiben).
Bei den Reißzwecken geht es glaube ich, nicht so sehr um olfaktorische Qualitäten, sondern um "die Bühne" - ich nenne es mal so.
Die aktuellen Mitbewohner sind nicht sein Thema, da gibt es nur einen, mit dem er am Anfang Probleme hatten - aber wo 2 Holzköpfe aufeinander prallen, passiert halt was (ich kann auch ohne "Autismus" manche Leute nicht leiden!) - er selbst hat dieses Problem aber selbst gelöst! Es gibt sogar 2 Bewohnerinnen mit denen er soziale "Spielchen" treibt - weit ab vom Thema Sexualtität und Geschlecht - spätestens da wurde mir klar, was "atypisch" hinsichtlich der Diagnose heißen kann!
Was ich gut finde, ist der Aspekt der Ruhe - er hat einfach keine! Meine Chefin und co. sind immer der Meinung, er bräuchte mehr "Unterhaltung", ich finde dies grundfalsch! "Ansprechpartner" treiben die Unruhe eher noch in die Höhe, meinen "ruhigsten" Dienst mit ihm hatte ich, als eine Kollegin krank war und ich alleine auf der WG war (kurz: an dem Punkt, wo er am wenigsten seine "Anliegen" los werden konnte - allerdings habe die anderen Bewohner auch noch Bedarfe..)!


Danke für deine Antwort
T.
04.11.17, 07:37:09

Beate


Zitat von Antares:
Das ist kein "Fehlverhalten" sondern Kommunikation. Er möchte Dir aus meiner Sicht etwas mitteilen. Und zwar genau das was er gesagt hat, was Du aber nur in Klammern erwähnst. Darum geht es.

Er fühlt sich unwohl und keiner hilft ihm.


Danke, Antares. Ich denke, ich kann dies am allerbesten beurteilen, denn ich bin die Mutter dieses jungen Mannes und verfolge diesen Faden schon sehr lange.


Zitat von towerowitch:
Ich für meinen Teil sehe es so: Autismus kann mit Melperon, Benzos und co. nicht behandelt werden und eine grundlegende psychische Störung, die man mit Pillen behandeln müsste, ist m.E. auch nicht vorhanden


Es erstaunte mich nicht, daß trotz der vielen schönen Worte im November letzten Jahres eben dies getan wurde: Dem jungen Mann wurde Melperon verordnet, selbstverständlich sollte dies nur eine Bedarfsmedikation werden. Man kann sich denken, wie die Sache weiterging, aus der Bedarfsmedikation wurde eine feste.

Mein Sohn bezeichnete dies übrigens stets als 'K.O.-Tropfen' und wer den Beipackzettel durchliest, wird schnell feststellen, daß er mit seiner Beschreibung voll ins schwarze getroffen hat, denn dieses Mittel dient ausschließlich der Sedierung. Er verweigerte diese Medikation immer öfter,

Viele Grüße
Beate
04.11.17, 07:43:59

Beate

Leider habe ich ein Problem, den Beitrag zu bearbeiten, deshalb geht es mit einer neuen Antwort weiter: Mein Sohn verweigerte die Medikation immer öfter und ich konnte ihm nur noch Recht geben. Also ging ich erneut zum Psychiater und ließ ihm etwas anderes verschreiben - Abilify. Die Veränderungen, die nun bei ihm zu sehen waren, sind höchst erfreulich, denn das ständige 'Gedankenkreiseln' gehört nun der Vergangenheit an.

Nur schade, daß dies die Wohngruppe und insbesondere towerowitch nicht mehr miterleben kann, denn mein Sohn verweigerte seit letztem Monat die Wohngruppe komplett mit dem Ergebnis, daß er nun so lange wieder bei mir zu Hause lebt, bis der Kostenträger eine neue Unterbringungsmöglichkeit gefunden hat, bei der auf die Bedürfnisse dieses jungen Mannes nicht nur in der Theorie, sondern auch im realen Leben eingegangen wird.

 
 
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