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Autor Nachricht
0LifeSkills
(Schlaftablette)

Hallo zusammen,

ich möchte heute über etwas reden, das mich schon eine ganze Weile belastet. Ich hoffe, der ein oder andere hat vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht.

Ich bin Mitte 20 und habe die Diagnose Autismusspektrumstörung 2016 bekommen, aber die Testergebnisse verwirren mich ein wenig. Nämlich habe ich bei zwei Tests der Fremdbeurteilung den Cut-Off gar nicht erreicht, und zwar beim MBAS (Cut-Off ist 103, ich habe nur 64) und beim FSK (Cut-Off 15, ich habe 6). Meine Mutter hat diese Tests ausgefüllt, ich hatte manches anders in Erinnerung als sie, aber sie hat nur genervt reagiert und gesagt, ich solle sie in Ruhe lassen. Sie hat beispielsweise angekreuzt, ich hätte sie als Kind getröstet, was aber definitiv nie passiert ist, da sie negative Gefühle (außer Wut) vor mir und meinem Bruder verborgen hat. Beim ebenfalls von ihr ausgefüllten SRS ist meine soziale Reaktivität schwer beeinträchtigt und laut dem von der Expertin ausgeführten ADOS liege ich weit über dem Cut-Off und benehme mich daher also autistisch.

Kann ich autistisch sein, auch wenn ich beim MBAS und FSK weit vom Cut-Off entfernt bin? Es ist für mich einfach sehr schwer zu glauben, auch da ich seit meiner Kindheit in psychologischer Behandlung bin und eine Reihe an psychischen Störungen diagnostiziert bekommen habe, aber Autismus wurde nie erwähnt.

Wie sahen eure Ergebnisse aus?
18.04.18, 20:21:39
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Antares
(White Unicorn)

Mir sind meine Ergebnisse egal, ich kann sie Dir nicht zitieren. Bei mir war es aber anders herum, ich wusste dass ich Autistin bin und habe die Diagnose erst mit 34 Jahren "geholt", da ich in einem Verein aktiv werden wollte, in dem das Vorschrift ist diesen Zettel vorzuweisen (auch wenn ich ihn persönlich als sinnlos empfinde).

Aus meiner Sicht macht einen nicht der Zettel zum Autisten. Man ist Autist - oder auch nicht. Den Störungsbegriff empfinde ich als Diskriminierung.
19.04.18, 10:10:35
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Zephyr
(Standard)

geändert von: Zephyr - 23.04.18, 14:14:10

Ich schließe mich in der Sache Antares an, wenn gleich mein Beweggrund zur Diagnostik ein anderer war. Ich bekam zuvor allerlei anderer Diagnosen (Depression, Schizo, Sozialphobie, etc.), musste Medikamente schlucken, die eigentlich für Schizos gedacht sind, und wollte diesen Dreck (man verzeihe mir diese Ausdrucksweise) einfach nicht mehr. Daher habe ich mein vorheriges Studium endgültig abgebrochen, ein halbes Jahr mit Hartz IV gelebt und in diesem halben Jahr jene Diagnostik mir ohne Rücksicht auf meine Umwelt erkämpft.

Ich brauchte das damals. Es war essentiell für mich, um mich vor alldem zuvor zu schützen. Mit der Diagnose kann ich jetzt meine Eigenheiten auch Ärzten aufzeigen, wie es ist. Jetzt mit Ende 20 ist das zwar gar nicht mehr so wichtig, weil ich schon sehr gut lernte, Overloadsituation so sehr zu kompensieren, dass ich nicht mehr völlig unkontrolliert durch die Umgebung wandere und ebenso wenig semiaggressiv bin, aber besser ist es dennoch. Die Overloadsituationen sind ja nicht weg. Heute habe ich eine sehr gute Kontrolle gegenüber Wutausbrüchen entwickelt, aber nicht gegen das, was sich stattdessen fast täglich einstellte. Ein Leben wie im Film - mitten drin, aber nicht wirklich dabei. Solche Momente erlebe ich fast täglich. Es stört mich, aber es ist immer noch besser, als jedliche Kontrolle über sein Handeln zu verlieren (Wutausbrüche). Wie ich diese Momente genau beschreiben könnte, weiß ich leider nicht.
Quergedachtes hat es ganz gut beschrieben: https://quergedachtes.wordpress.com/2013/02/17/autismus-ist-manchmal-leben-wie-in-einem-film/
Bei mir ist etwas anders, folgt aber dem selbem Muster. In Stufe 4 laufe ich in einer Art Automatik-Modus. Nicht ich bestimme mehr mein Handeln, sondern das unterbewusste Programm in mir, welches die Tätigkeit kennt und daher noch ohne mein bewusstes Zutun ausführen kann. Dieses Programm ist aber nicht perfekt, kann nicht auf alles eingehen, was außerhalb der bekannten Erwartungsmuster geschieht. In dieser Phase könnte man mir beispielsweise sogar meine Geldbörse stehlen, selbst wenn diese noch innerhalb meines Sichtfeldes liegt. Das ist nun mal der Preis dafür, dass ich etwas anderes ablegen konnte, was gewiss schädlicher ist, zumindest für meine Umwelt. Für mich ist es kaum ein unterschied, ob ich nun in einer Art Delirium unterwegs bin oder emotional ausbreche und in die nächste stille und dunkle Ecke fliehen muss. Das ist eine Schattenseite meines Autismus, aber es gibt zum Glück auch noch viele Sonnenseiten meines Autismus.
Letztendlich half mir die Diagnose, ebenso das stärker in meinen Fokus und in mein Bewusstsein zu rücken. Vom früher ständig problematischen und psychisch kranken Kind hin zum heute Gesunden und sich der Probleme und Stärken bewussten Mensch. Ich kenne meine Schwächen, meine Problem, jene Phasen, wie sie Quergedachtes beschreibt. Durchlebe sie immer noch so gut wie täglich, aber ich bin mir darüber bewusst, dass das keine Krankheit ist, sondern nur die Folge der Belastung innerhalb einer NA-geprägten Welt. Dazu bin ich mir meiner Stärken bewusst. Gut planen, so dass man z.B. immer zu der Zeit einkaufen geht, wenn kaum noch Menschen im Laden sind. 20:30 bis 20:45 ist so meine Zeit, ab wann ich meine Wohnung verlasse und einkaufen gehe. Ich brauche etwa 15-20 Minuten für einen Einkauf. Bin daher dann gegen 21:00 Uhr wieder zurück und begegnete im Geschäft nur 1-4 Menschen anstatt teils weit über 10. Über solche Tagespläne brauche ich nicht nachdenken, da diese von alleine kommen und sich von alleine im Alltag einrichten. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, bei welchen es mit eben effizienter erscheint mal zu einer anderen Uhrzeit einzukaufen, kann ich gar nicht anders als frühestens um 20:30 einkaufen zu gehen. Typisch Aspie, könnte man meinen, ich teile nur diese Eigenschaft mit anderen Autisten, worunter viele Aspies sind, aber nicht alle sein müssen. Dazu gibt es auch viele Aspies, die ganz anders sind, als es so allgemein als Bild in der Gesellschaft vorherrscht. Jeder hat seine eigene Geschichte, die ihn prägte, jeder hat seine eigenen Gedanken und jeder hat seine eigenen Ideen und Ansichten über die Welt. Letztendlich ist es daher egal, ob man so einen Zettel hat oder was auf diesem steht, solange man den Weg unbehindert gehen kann, denn man gehen will.

Nur darum geht es. Daher kümmere dich nicht darum, dass jene Tests, die deiner Aussage nach deine Mutter für dich machte, nicht dem Bild entsprechen, welches du selbst von dir hast. Weder diese Tests, noch deine Mutter kann tatsächlich das Bild aufzeigen und beschreiben, welches du von dir selbst hast. Was und wer du bist kannst ebenso nur du selbst wissen, und niemand andere für dich vorschreiben. Ich bin ja auch nach den meisten Ärzten kein Autist, sondern offenbar ein Schizo, bei welchem einfach alle eingesetzten Medikamente gegen Schizophrenie nicht so wirken, wie sie es eigentlich sollen. Nach dem letzten Facharzt für Autismus, bin ich kein Asperger, kein Kanner und kein HFA, sondern einfach nur untypisch zu allem, dennoch Autist. Ich für mich selbst bin einfach nur Autist und ein Mensch, wie jeder andere, der ähnliche oder gar die selben Bedürfnisse wie viele andere auch hat. Würde ich diese Diagnostik heute nochmal bei einem anderen Facharzt für Autismus machen, könnte es sicher so sein, dass ich am Ende doch als HFA, oder nach dem ICD-10 als Kanner angesehen werde, oder ich erhalte wie an vielen Uni-Kliniken bereits üblich einfach die Asperger-Diagnose, da diese Unterscheidung der Autismustypen ohnehin bald passé ist. Bald gibt es nur noch den Einheitsbrei "Autismus-Spektrums-"Störung"" als Diagnose. "ASS". Viele kleinere und doch zu wenige Schubladen werden einfach in eine ganz große gesteckt. Dahinter noch das Wort "Störung" oder ähnliches und die Fachwelt der NA-Mediziner ist wahrscheinlich glücklich darüber, dass die Diagnostik damit deutlich einfacher wird.

Autisten nützt das nicht. Jede Vereinheitlichung schadet dem Individuum, besonders wenn es eben noch um als Störung oder Krankheit klassifizierte Dinge geht. Wäre nicht viel anders gewesen, hätte man eine Schwulen-Sprektrum-Störung eingeführt, wonach selbst jene Menschen jener Störung zugeschrieben werden hätten können, die eine heute nachgewiesen natürliche leichte sexuelle Zuneigung zum gleichen Geschlecht aufweisen. In diversen Studien zeigt sich, dass fast jeder Mensch zumindest einmal im Leben eine Zuneigung zum gleichen Geschlecht hatte. Es ist also sehr natürlich in der Natur, dennoch früher als Krankheit eingestuft. So gut wie jeder ist davon betroffen, der eine weniger der andere stärker, deswegen ist es auch ein Spektrum, aber keine Störung und keine Krankheit, sondern eine ganz normale Sache der Natur, die man ebenso unter Tieren beobachten und nachweisen kann.

Für sowas braucht man eben keinen Zettel, auf welchem steht man ist zu xx% homosexuell. Ebenso wenig macht es Sinn, nun Zettel auszustellen, man sei zu xx% Autist. Das nützt dem Individuum nichts. Wenn, dann nützt eine Diagnose, die zwischen verschiedenen Typen differenziert und damit die prägenden/ähnlichen Eigenschaften in einer imaginären Gruppe zusammenfasst. So kann man sich immerhin besser mit anderen selben Typs zielgerichteter und fundierter in Kontakt bringen. Das zeigt sich bereits darin, dass viele Asperger-Foren entstanden, aber so gut wie keine Autismus-Foren und gar keine Autismus-Spektrum-Foren. Unter den Autisten sind es eben vor allem jene Asperger, die sehr kommunikativ sein können. Viele HFA reihen sich da ein, da sie nach dem ICD eben meist Asperger als Diagnose erhalten. Der Zettel sagt dann eben Asperger. In Zukunft sagt der Zettel nur noch Autismus-Sprektrum zu xx%.

Damit will ich in diesem Kontext aufzeigen, wie überflüssig so ein Zettel in Zukunft sein wird. Bereits heute kann man damit kaum noch was erreichen, was tatsächlich der Endhinderung dienlich ist. In Zukunft wird das leider nicht besser werden. Das mag vielleicht daran liegen, dass der medizinische Sektor an Autisten nicht wirklich gut verdienen kann, es sei dann man entwickelt überteuerte Foltertherapien wie TEEACH, ABA und Co, welche jedes selbst nicht-autistische Kinder so schwer traumatisieren wird, dass es am Ende nur noch mit Medikamente ruhig gehalten werden kann.

Wenn es nicht wirklich wichtig ist, ist man sicherlich besser dran, keine Autismusdiagnose zu haben. Ich brauche jedenfalls nicht einen Zettel, der mir sagt, der andere sei Autist. Sofern dieser selbst sagt er sei es und mir das als stimmig erscheint, ist er das für mich. Wenn ich Zweifel daran habe, sage ich das, und nenne den Grund meiner Zweifel daran, was aber ebenso wenig bedeutet, dass der andere kein Autist sei.Dann differiert meine Ansicht davon, was Autismus ist einfach mit der Ansicht des anderen was für ihn Autismus ist. Ebenso das ist okay und auch dafür braucht es für mich keinen Zettel.
Es scheint so, als wäre es für deine Mutter unvorstellbar, dass du Autist sein könntest oder gar sein dürftest. Es gibt eben Mütter, die unter Autismus nur schwer behinderte Menschen sehen, die nicht in der Lage sind je ein eigenständiges Leben führen zu können. Jene Mütter oder aber auch Väter, werden daher bei der Befragung zur Kindheit alles so hin drehen, dass es nicht ins Bild des Autismus passt. Das Problem liegt hier weder an der Mutter/des Vaters, noch beim Arzt, noch bei den Tests, sondern einfach am Bild jener Menschen über Autismus. Jeder Test, der vorsieht, die Mutter oder den Vater zu befragen, sollte diesen Umstand berücksichtigen können. Jeder Facharzt für Autismus sollte erkennen können, ob eine Mutter oder ein Vater die Kindheit so weit beschönigt, dass Autismus unmöglich diagnostiziert werden könne.

Du sagst es ja selbst, dass sie sagte, du hättest als Kind getröstet, du sagst das Gegenteil davon. Der Arzt hat nun Aussage gegen Aussage, aber er hat ebenso die Tests, die du machtest. Wenn all jene, die allein nur du gemacht hast, deutlich positiv ausfallen, müsste der Arzt eigentlich erkennen, dass die Mutter bzw. der Vater eventuell nicht die wirkliche Wahrheit über die Kindheit aussagt. Wenn das nicht ausreicht, wäre es denkbar, dass eine unabhängige neutrale Person dich ein paar Wochen im Alltag begleitet und am Ende dem Arzt mitteilt, wie du in der Zeit von ihm wahrgenommen wurdest. Wenn man wirklich Autist ist, kann man das nicht über ein paar Wochen hinweg permanent verstecken. Wenn man kein Autist ist, kann man das nicht über ein paar Wochen hinweg täuschend echt vorspielen.

Sofern du noch Kontakt zum diagnostizierenden Arzt hast, solltest du das mit ihm ganz offen ansprechen. Sage ihm ganz direkt, dass deine Mutter in der Sache nicht das sagt, wie du es erlebt hast. Ein guter Arzt müsste dann eigentlich erkennen können, wer die Wahrheit sagt. Zur Not die ganzen Tests mit dir und deiner Mutter nochmal wiederholen. Das ist allemal besser, als wenn du wegen der Geschichte am Ende noch eine Diagnose erhältst, die nicht stimmig/passend ist, wie eben ich vor vielen Jahren. Eine Falschdiagnose wieder los zu werden ist sehr schwer. Sprich das mit dem Arzt daher nochmal ganz direkt an. Wenn der nicht einlenkt, brich es ab und suche dir einen anderen Arzt auf dem Gebiet, selbst wenn du dann 6 Monate warten musst und/oder in eine entfernte Stadt reisen musst. Eine zweite Meinung ist nie verkehrt.

Ich wünsche dir in jedem Fall viel Kraft und Glück in der Sache. Doch selbst wenn du darin einen Misserfolg hast, spielt es zumindest dafür keine Rolle, ob du nun einen Zettel hast oder nicht, wenn es darum geht, dass andere Autisten dich als Autist oder Nicht-Autist wahrnehmen können.

Ich kann es zurzeit noch nicht einschätzen. Mein Bauchgefühl sagt ja, mein Gehirn will dafür einfach noch mehr über dich erfahren, ehe es überhaupt eine Vermutung aussprechen kann. Auf mein Bauchgefühle gebe ich nicht viel. Das meint immer etwas zu wissen, Manchmal liegt es zufällig richtig, manchmal völlig daneben. Statt dem Bauchgefühl könnte ich daher genauso eine Münze werfen. Die Trefferquote wäre nahezu gleich. Für manche Menschen ist es aber wichtig, wenn ich ihnen mein Bauchgefühl mitteile, warum auch immer, aber sie finden es gut. Damit gebe ich den Menschen wohl das, was sie gerne hören wollen. Das ist ganz hilfreich, wenn man sich einigermaßen gut sozial integrieren will, dabei aber nicht auf Lügen zurückgreifen kann oder will. Lügen bringen ohnehin nicht viel, außer früher oder später nur mehr Probleme als man vor der Lüge hatte. Ich versuchte es mal mit dem Lügen. Ist aber nicht mein Ding. Das macht mehr Probleme als es löst. Genauso sinnvoll wie einen kugeligen Felsbrocken den Berg hinauf zu schieben, um den Weg zum Berggipfel frei zu machen. Das Macht keinen Sinn und bringt auch nichts.
23.04.18, 13:47:12
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0LifeSkills
(Schlaftablette)

Erstmal vielen Dank für die Antworten.

Antares, wie hast du es gewusst, auch ohne Tests? Ein Gefühl?
Ich wusste ja lange kaum was von Autismus und kannte es nur als „das, bei dem Leute in ihrer eigenen Welt leben und nicht reden“. Wenn man sich die Kriterien im ICD oder DSM durchliest, sagt einem das auch nicht unbedingt viel, mir zumindest nicht.
Ich kenne einen weiteren Autisten, der sagte, er habe schon immer gewusst, dass er anders ist, schon als kleiner Junge. Bei mir war das nicht, ich hielt mich lange für normal und war verwundert, dass mich andere Kinder so schlecht behandelt bzw. ignoriert haben. Darunter habe ich auch sehr gelitten, denn mir hat niemand geholfen und auch keiner gesagt, was ich falsch mache. Ich wurde (vermutlich) u. A. Dadurch depressiv, sehr zurückgezogen, sozial unsicher und später nahezu phobisch. Immer hatte ich Angst, ausgelacht zu werden, mich zu blamieren. Und in vielen Situationen war ich mir auch nicht sicher, was ich überhaupt sagen oder tun soll. Was man beim Bus dem Fahrer sagt, oder beim Kaufen von Kinokarten.. Also habe ich das vermieden. Irgendwann ging gar nichts mehr und ich musste in eine psychiatrische Klinik.

Das ist aber eine sehr lange Antwort, Zephyr, ich konnte sie gar nicht am Stück durchlesen. Das ist keine Kritik, ich habe nur gemerkt, dass es mehr Information ist, als ich ohne Pause verarbeiten kann. Jetzt habe ich eine ganze Nacht und über den Tag verteilt nachgedacht, was ich antworten soll, wie es eben so ist, wenn mich etwas beschäftigt. Konnte lange gar nicht schlafen deswegen. Gespräche, die ich führen möchte oder muss, bereite ich immer in meinem Kopf vor, spiele sie immer wieder ab, überlege, was ich sagen könnte und wie, wie die andere Person wohl reagieren könnte, damit ich auf alles vorbereitet bin. Aber im Endeffekt läuft es jedes Mal komplett anders ab als geplant und gedacht. Schade.

Es ist eben so, ich stehe sozusagen ständig unter Strom, ich bin immer angespannt und mein Kopf ist voller Gedanken. Immer immer immer, ohne Pause, außer im Schlaf. Ich möchte am liebsten alles verstehen, ich sorge mich viel, ich denke aber eben auch viel über Sachen nach, die ich mag, das wären dann Vögel und bestimmte TV Serien/Comics. Ich kann mich in meinen Gedanken so verlieren, dass ich nur noch da sitze und in die Ferne Starre, wenn es im Gehen passiert, laufe ich manchmal in die falsche Richtung, steige in die falsche Bahn oder den falschen Bus.. oder verpasse meinen Bus. Neulich habe ich Tauben gefüttert und war so beschäftigt, dass ich den Bus verpasst habe.. und den danach. Und den danach. Füttern ist eigentlich verboten, aber ich bin über dieses Thema gut informiert und gegen dieses Verbot. Außerdem liebe ich alle Vögel, ich lasse keine Art aus.

Wenn ich sehr traurig oder wütend bin, verliere ich mich auch in Gedanken und nehme meine Umwelt nur noch teilweise wahr, was auch wieder dazu führt, dass ich irgendwo hinlaufe, wo ich nicht hinwollte, nicht mitbekomme, ob meine Mitmenschen weggehen oder zu mir kommen, zuhören geht absolut nicht.. Weil Gefühle einfach so vereinnahmend sind. Ich habe wahnsinnige Probleme, sie zu kontrollieren und bin emotional offenbar auch nicht auf dem alterstypischen Stand, sondern eher.. naja, zurückgeblieben. Das hat mir schon vor Jahren, als ich noch nicht volljährig war, eine Psychologin gesagt und es macht mich sehr traurig. Ich verstehe gar nicht, wie andere es schaffen, so mit ihren Gefühlen umzugehen, dass sie nicht so schnell verletzt sind, eventuell weinen oder sich zurückziehen müssen. Oder dass sie nicht so schnell genervt sind und in der Wut sehr beleidigend werden können, wie ich. Als Kind habe ich zusätzlich dazu auch noch Sachen kaputt gemacht, „wegen Kleinigkeiten“, meint meine Mutter. Für andere sind es immer Kleinigkeiten, die mich verletzen, wütend machen oder einfach nur überfordern.

Ich wurde im späten Kindergartenalter auffällig durch Tics, die ich selbst nicht erklären konnte. Manche waren verbal, ein anderer war z.B. in den Bauch drücken mit der Hand. Das hat sich merkwürdig intensiv angefühlt, wenn meine Blase voll war, ich mochte das Gefühl nicht einmal noch mochte ich es nicht.. es war einfach nur intensiv.
Mit 8 habe ich mir dann die Haare büschelweise ausgerissen und wurde einem Kinderpsychologen vorgestellt, der sagte, er habe ein Kind wie mich noch nie gesehen. Er wusste überhaupt nicht, was ich habe oder wie man mir helfen kann. Mir wurden meine Tics immer peinlicher, aber abstellen konnte ich sie nicht. Kein Kind hat mich je deswegen angegriffen, aber gemobbt wurde ich trotzdem. Bis heute weiß ich nicht, warum. Ich war eben immer „uncool“, habe aber nie begriffen, was jemanden cool oder uncool macht und wer das entscheidet. Ich wurde systematisch ausgegrenzt, anfangs auch physisch angegriffen weil ich angeblich eine große Klappe hatte, was aber absoluter Blödsinn ist. Ich war nur ein direktes Mädchen und habe laut meinem ersten Zeugnis andere Kinder dazu aufgefordert, sich an die Regeln zu halten. Aber das war nie böse gemeint noch wollte ich nerven.

Zuhause war es nicht viel besser, da mein Vater missbräuchlich war. Physisch, vor allem aber emotional, darunter leide ich heute noch sehr. Nie konnte ich etwas richtig machen, alles, was ich gemacht oder nicht gemacht habe, hat er als Provokation gesehen oder als Ungehorsam, ständig hat er mich kritisiert. Und ich habe ihn geliebt, wie man seinen Vater als kleines Kind eben liebt. Er sagte zu mir „Ich wollte nie ein Kind wie dich.“ und „Irgendwann endest du ganz allein unter einer Brücke, weil dich keiner aushält.“
Ich sah die Schuld bei mir, aber egal, wie sehr ich mich angestrengt habe, ich konnte nicht so sein, wie er mich haben wollte.

Das zusammen mit dem Mobbing führte zu starken Depressionen, Suizidgedanken und -versuchen, Sozialphobie und diversen psychischen Zusammenbrüchen. Ich war mit 14 das erste Mal in einer Klinik, auch danach noch mehrfach, aber nichts hat wirklich geholfen. Meine bisherigen Diagnosen lauten:

Schwere emotionale Entwicklungsstörung mit Geschwisterrivalität
Rezidivierende Depressionen
Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung
Angst und Depression, gemischt
Anorexia Nervosa
Borderline Persönlichkeitsstörung
Verdacht auf komplexe posttraumatische Belastungsstörung

Die Boderline Diagnose stand, bis ich die Autismusdiagnose bekommen habe. Aber auch darüber waren sich die Psychologen nicht einig. In einer Klinik habe ich einen Test auf Persönlichkeitsstörungen gemacht und dachte auch, dass Borderline doch gut passt. Damals habe ich auf die Frage, ob ich intensive Beziehungen suche, mit Ja geantwortet. Danach hatte ich eine intensive Freundschaft und gemerkt, dass ich das definitiv NICHT will. Fordernde Menschen sind furchtbar anstrengend, ich kann das einfach nicht.
Jedenfalls habe ich den Psychologen in anderen Kliniken von dieser Diagnose erzählt, doch da hieß es „Nein nein, Sie haben kein Borderline. Ich hatte schon viele Patienten mit Borderline, die haben ein aggressiveres Auftreten.“ oder „Hätten Sie Borderline, könnten Sie es nicht aushalten, allein zu sein, aber Sie sind doch gerne für sich.“
Und das bin ich auch. Aber oberflächlich haben Borderline und Autismus doch ein paar Ähnlichkeiten, was mich noch stärker verwirrt. Als autistische Frau bekommt man wohl eher eine Borderlinediagnose, da mehr Frauen betroffen sind, von Autismus jedoch mehr Männer. Ich habe auch schon Sachen gehört wie „Sie wirken gar nicht autistisch, Sie können ja Blickkontakt halten.“
Viele halten das Meiden von Blickkontakt wohl für ein eindeutiges Kriterium. Aber ich konnte das schon immer, nur während einer sehr depressiven Phase ging es nicht und auch, wenn es mir heute sehr schlecht geht, kann ich niemandem in die Augen schauen.

Ich habe von Geburt an eine starke Reizfilterschwäche und kann daher nachvollziehen, was die Person in ihrem Blogpost erzählt. Ob es genau so bei mir abläuft, weiß ich nicht, ich habe noch nie so darüber nachgedacht. Aber ich fühle mich durch laute Geräusche gestresst und an schlechten Tagen kommen mir die Tränen. Ich bekomme Angst, wenn jemand schreit, auch wenn er gar nicht mich anschreit.. Ich erschrecke sehr schnell, auch vor meinem eigenen Schatten, unerwarteten Geräuschen, schnellen Bewegungen etc. Ich hasse das Geräusch, wenn man das Klo putzt, wenn die Bürste an der Schüssel streift, mag aber schon immer die Geräusche von Staubsaugern, Haartrocknern, Wäschetrocknern und Regen. Davon bekomme ich manchmal eine Gänsehaut und ich werde ruhiger. Wenn ich tagsüber schlafe, höre ich mir diese Geräusche gerne nebenher auf youtube an.

Meine Mutter sieht die Diagnose tatsächlich als schwere Behinderung an und fragt sich, ob ich dadurch nicht alleine leben können werde. Aber den SRS hat sie auch ausgefüllt und laut bin ich in der sozialen Reaktivität stark eingeschränkt, was auch immer das bedeutet.

.. War das jetzt zu viel? Manchmal kann ich mich kaum bremsen, auch beim Reden ist das so.

Werde wohl wirklich versuchen, die Ärztin nochmal anzuschreiben, falls ich ihre E-Mail Adresse noch habe.
25.04.18, 20:35:54
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Antares
(White Unicorn)

Zitat von 0LifeSkills:
Antares, wie hast du es gewusst, auch ohne Tests? Ein Gefühl?

Nein, damals kam das gerade so auf. Mit den 90ern begann das Aufstreben der Neurodiversitätsbewegung nennt man das heute. Es gab Autisten in meinem Umfeld und ein Student in einer Kneipe erklärte mir das dann damals mit dem ICD und so und meinte das man das eben mittlerweile auch da in dieses Buch hinein schrieb. Das fanden wir damals jetzt nicht so gelungen und ich finde es bis heute keine gute Idee Autisten als "gestört" zu betrachten. Man ist Autist oder man ist es nicht, so meine Erfahrung und so auch der aktuelle Wissensstand in der Forschung. Ob man nun Autisten als pathologisch oder nicht pathologisch betrachtet ist ungefähr so, als würde man Homosexuelle oder Linkshänder nun pathologisch oder als Teil gesunder menschlicher Vielfalt betrachten.

Schwere Traumatisierung durch Missbrauch des Vaters hat damit Autist zu sein an sich ja nichts zu tun. ... es steht außer Frage, dass bei einem missbräuchlichen Vater schwere Misshandlung des Kindes stattfindet. Autist ist man somit oder nicht. Schwere Traumata sind nicht mein Gebiet, auch wenn Du hier viel davon schreibst. Das wird schon in Ordnung sein, wenn es richtig für Dich ist das hier zu schreiben. So lange Du anonym bleibst, liest es ja auch nicht die ganze Welt mit (bzw kann es mitlesen eher).

Es ist ja nur ein Teil, der dadurch geschah... ich habe solch eine Geschichte nicht. Für mich ist es somit völlig irrelevant gewesen, als ich meinen Weg auch so fand. Die Diagnose brauchte ich nur um sie auf einem Zettel stehen zu haben.
26.04.18, 13:57:22
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0LifeSkills
(Schlaftablette)

Oh. In den 90ern wurde ich geboren, vielleicht habe ich deswegen nichts mitbekommen. Meine Eltern allerdings auch nicht, das Thema wurde in meinem Umfeld generell nie erwähnt.

Nein, da hast du Recht, ich frage mich aber, ob man manche Symptome vielleicht verwechseln kann. Oder die Ursache für bestimmtes Verhalten, wie die Tics, die ich als Kind hatte und die Zwänge. War das so eine Art Hilfeschrei, weil psychisch etwas nicht gestimmt hat, oder war es einfach nur Stimming? Schwer zu sagen.
Eine Psychologin meinte, ich sei durch den Autismus eben empfindlicher und daher schneller traumatisiert als der Durchschnittsmensch. Und dass ich beides habe, Autismus und psychische Probleme. Beim Termin für die Tests habe ich das natürlich auch gesagt, damit man das einkalkulieren konnte. Ich werde die Dame jetzt noch einmal anschreiben, vielleicht kann sie mir das kurz erklären.
26.04.18, 21:06:27
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Antares
(White Unicorn)

geändert von: Antares - 27.04.18, 09:16:56

Ach so viele waren das damals wohl nicht, die sich da in die weltweite Literatur eingelesen hatten. Auf die Idee muss man ja erstmal kommen eine Bevölkerungsgruppe von heute auf morgen zu pathologisieren. Es gab (und gibt sie noch immer) Autisten, die offensichtlich auch von Psychiatern so bezeichnet werden, sie sind aber nicht gewillt sich eine pathologisierende Diagnose zu holen - auch wenn sie gewiss eine bekämen, weil alle Voraussetzungen erfüllt wären. Das ist ein ganz eigener Schlag Mensch glaub ich, innerhalb der Autisten.

Zu den Fragen. Nach meiner bisherigen Kenntnis:

- können die Symptome verwechselt werden

Bei einem "Zwang" wie das genannt wird z.B. Es gibt Menschen, die waschen sich ständig die Hände, weil sie ein inneres Bewältigungsmuster für eine Sache haben, für die sie sich schmutzig fühlen. Es ist eine Art Versuch sich von einer Art Schuld reinzuwaschen.

Es gibt aber auch Autisten, die sich ganz oft die Hände waschen. Manche autistischen Kinder mögen manche Oberflächen nicht, oder den Geruch von fremden Menschen. Sie trauen sich aber vielleicht nicht zu sagen, dass sie davon Hautkribbeln bekommen, wenn sie Mikrofasern anfassen müssen, oder dass ihnen übel wird, wenn ihre Hände nach fremdem Parfum riechen.

Somit gibt es zwei komplett verschiedene Ursachen. Man sagt Menschen aus z.B. Schulgefühlen die sich dauernd waschen könnten mit einer Therapie diese dauernde Schuldigkeit als Gefühl auflösen. Hab ich gehört... aber das ist eben der Bereich, von dem ich keinen Plan habe.

Autistische Kinder tun besser daran einfach nicht mehr Mikrophasertücher und Menschen die "stinken" anzufassen - und schon ist alles super.

Reizregulationsmechanismen wie sie Autisten zu eigen sind, sind bisher so heißt es relativ einzigartig, also sehr typisch für Autisten. Deshalb funktioniert das auch. Es ist nun so, dass sich ein autistisches Kind vielleicht in einer Überlastung ganz viel dreht, um irgend einen Mechanismus auszulösen, damit diese Situation überhaupt sicher beendet werden oder verlassen werden kann. Meist sind dann irgend welche Barrieren dort (z.B. Lärm oder oder).

Es gibt auch andere Kinder, die sich drehen wie Brummkreisel aus zig anderen Gründen heraus. Bei ihnen dient das dann aber nicht der Reizregulation. Diese Empfindungsmechanismen sind für Autisten auch zwingender Natur.

Die These, dass Autisten leichter zu Traumata neigen haben ich auch schon gehört, weiß aber für mich noch nicht, was ich dazu abschließend denke. Ich mein man muss ja nur sehen, die Autisten die eine Diagnose erhalten gehen zum Psychiater, weil irgend etwas überhaupt gar nicht gut läuft i.d.R. Solche Diagnose-Zettel wie ich ihn hab sind eher selten. Also erscheint es vielleicht einfach nur in der Statistik so, dass Autisten weniger Resilienz haben, um mit Traumatisierenden Situationen langfristig umzugehen. Nimmt man die Prozent der Nicht-Autisten, erscheinen ja faktisch alle + die Autisten die nicht beim Psychiater waren auf der statistischen Seite dort.

Autismus hat man aus meiner Sicht auch nicht. Man ist Autist. Und Autismus ist ein Entwicklungsphänomen. Psychische Probleme bei Deiner Vergangenheit sind aber so wie ich das lese nicht weiter eigenartig. Das muss ein Kind (egal ob Autist oder Nicht-Autist) erst einmal verarbeiten... können.

EDIT: hab das editiert, erst wollte ich was zu Tic schreiben und bin dann bei Zwang gelandet. Bei Tic ist es aber ähnlich. Tics entstehen bei Autisten die ich zumindest kenne auch so. Das Kind ist z.B. in den Ferien zu Hause und zeigt keine Tics. Dann geht es zur Schule, begegnet dort Barrieren (Laut, Wuselig,...) und der Tic ist hier eine Überlastungsreaktion. Nimmt man die Barriere wieder weg (z.B. über Fernschulmaterial) ist der Tic auch weg. Logischer Weise. Wenn man einen Autisten nicht in eine Reizhölle schickt, ist die Hölle schnell vorbei. Aber das geht davon aus, dass es wirklich einfach nur ein Autist ist.

Wie die ganzen anderen Tics entstehen weiß ich nicht und kenne sie zwar. Wie z.B. ein unkontrolliert nach unten klappendes Auge, das sich immer wieder schließt - weil die Frau als Kind vergewaltigt wurde, hab ich z.B. schon gehört. Damit kenne ich mich aber nicht aus. Es gibt aber auch autistische Kinder, die ein Augenlied bei Überlastung schließen, oder auch beide.

Es ist bei Autisten aber eigentlich weder eine Tic-Störung noch ein Zwang im eigentlichen Sinne (das andere ist ja wohl angeblich therapierbar), sondern eine Überlastungsreaktion auf eine unwirtliche Umgebung.
26.04.18, 21:26:56
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0LifeSkills
(Schlaftablette)

Update: Antwort ist schon angekommen, das hat die Psychologin geschrieben:

"Liebe Fr. 0LifeSkills,

die Diagnose Autismus ist und beliebt eine klinische d.h. basierend auf dem klinischen Eindruck im Interview und im ADOS. Die Fragebögen vor allem die Fremdanamnesebögen sind eine wichtige Ergänzung, müssen aber nicht alle die Cut-Offs erreichen. Eine Autismus-Spektrum Störung ist auch eine psychische Störung, Unterkategorie Entwicklungsstörung, da ab früher Kindheit früh bestehenden. Wir hatten zudem eine depressive Störung diagnostiziert.

Interraktionelle Probleme (Missverständnisse/Konflikte) sind ein führendes Problem bei Autismus-Spektrumstörungen und gehen oft mit depressiven Entwicklungen einher. Bitte wenden Sie sich an ihrem Hausarzt oder Psychiater wenn die Stimmung schlecht bleibt, was Sie beschreiben klingt doch etwas depressiv.Haben Sie inzwischen einen Psychotherapeuten/Therapeutin?

VG,

G.Travers "

Der letzte Absatz bezieht sich auf eine Situation, die ich ihr geschildert habe. Nämlich habe ich mit einem Kollegen gesprochen, über Einstellungen, Ansichten etc. Da meinte er, wenn er nicht wüsste, dass ich autistisch bin, hielte er mein Gerede für Arschlochgetue. Das hat mich getroffen und verunsichert. Ich bin eine rücksichtsvolle Person und gebe mir immer Mühe, niemanden zu verärgern oder verletzen.

Ich "tice" auch fast nur, wenn ich vielen Reizen ausgesetzt bin, in der Öffentlichkeit, Schule, Ausbildung. Da drehe ich die Träger meines Rucksacks und drücke sie in meiner Faust. Davon habe ich sogar Schwielen bekommen. Das mache ich seit der frühen Kindheit. Es gibt noch mehr Dinge, aber das fällt am meisten auf, glaube ich.
27.04.18, 14:57:45
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Antares
(White Unicorn)

geändert von: Antares - 27.04.18, 19:05:17

Ja, das stimmt schon so weit. Wenn man eine Diagnose möchte nach ICD, wird man in den Katalog so einsortiert wie beschrieben. Aber das muss jeder eben für sich selbst entscheiden, was jeder in seinem Leben für richtig erachtet.

Das beschreiben immer wieder Autisten, wie sie der Versuch normal zu sein krank macht. Nach Neurodiversität definiert:

"Autismus ist eine genetisch bedingte menschliche neurologische Variante. Autismus ist ein Entwicklungsphänomen, was bedeutet dass es im Mutterleib beginnt, es angeboren ist und während der gesamten Lebensdauer einen tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung auf verschiedenen Ebenen hat. Autismus verursacht charakteristische, untypische Arten des Denkens, der Bewegung, der Interaktion, sowie der sensorischen und kognitiven Verarbeitung." (Walker 2015)

Ob man das nun als psychisch gestört annimmt oder nicht bleibt letztendlich jedem selbst überlassen. Viele Autisten empfinden das nicht als angemessen.

Ein beliebiger Zeitungsartikel über einen Autisten, der auch durch die Presse "als hat das Syndrom" dargestellt wird:

http://www.sueddeutsche.de/politik/portraetserie-sie-sind-das-volk-ich-bin-fast-froh-dass-ich-aussortiert-wurde-1.3666329

Er selbst aber möchte genau so sein, wie er ist. Autist. Nicht-Autisten haben nur ihre Kataloge. Sie können das nicht nachempfinden, wenn man gern Autist ist und sagen es steht aber doch nun seit 1990 da, dass Sie gestört sind... akzeptieren Sie das jetzt endlich!

Ich sage: nein, von 1981 bis 1990 war ich ja auch nicht gestört. Und seit 2000 der ICD9 ganz aussortiert wurde steht das im ICD10 jetzt endgültig. Ich selbst weigere mich, nur weil Nicht-Autisten in ein Buch schreiben das sei gestört wie ich bin, dass ich jetzt dem huldige von wegen: oh super... wie schön, endlich habt ihr mich als Gestörte eingestuft *ironie aus*

Dass man für einen Interessenverband als Vorstandsvorsitzende sich so eine Diagnose "antun" muss, sehe ich gerade so eben noch ein, weil dann dort bewiesen ist, dass ich Autistin bin. Grundsätzlich arbeite ich aber daran, dass das nicht der ernst sein kann, dass sich jetzt alle Autisten um Hilfe (z.B. Pädagogische Architektur mit weniger sensorischem Lärm an Schulen in der BRD oder auch Hilfsmittel wie Fernschulmaterial, Telepräsenz oder einen Assistenzhund) zu erhalten als Gestörte bezeichnen lassen müssen. Das geht aus meiner Sicht einfach überhaupt nicht.

Und so steht das auch nicht im Bundesteilhabegesetz. Es muss eine Barriere definiert werden und Autisten generell als psychisch Gestörte zu bezeichnen ist dort nicht als Voraussetzung enthalten so wie ich das bisher verstanden habe.
27.04.18, 18:59:17
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Zephyr
(Standard)

Zitat von 0LifeSkills:
Das ist aber eine sehr lange Antwort, Zephyr, ich konnte sie gar nicht am Stück durchlesen. Das ist keine Kritik, ich habe nur gemerkt, dass es mehr Information ist, als ich ohne Pause verarbeiten kann.
Es ist meine Eigenart, sehr viel, schnell und so genau wie möglich über etwas sprechen zu wollen, im Schreiben ist es nicht anders. Meine Ausdrucksweise kann dazu sehr komplex sein, da ich polythematisch denke. (Infolink: http://www.hyperwriting.de/loader.php?pid=286) Mitmenschen kann das sehr schnell überfordern. Manche sagten mir, ich solle jetzt endlich "meine Klappe" halten oder andere, ich soll auf den Punkt kommen. Ich nehme das nicht böse, sondern ernst, wie jede Kritik oder Mitteilung anderer, aber keiner davon sagte je, wie man das nun abstellen solle. Vielleicht ist es ein Zwang, vielleicht einfach nur mein Ausdruck meiner Lebensfreude. Ist das schlecht? Krank? Ich denke nicht. Viele mögen es nur nicht, daher unterdrücke ich es, obwohl ich es nicht will und nicht gut kann. Am Ende wird mir aber doch wieder klar, dass es das ist, was mein Eigen ist und mich daher eigenartig macht. Das darf ich doch nicht ablegen!

Ich kann sehr gut diesen Anpassungsdruck nachvollziehen, den so manch Autisten schildern und/oder zeigen. Der Versuch "normal" zu sein. Dieser macht aber krank. Raubt sehr viel Energie, was ich bis heute spüre und erlebe. Nur als Beispiel: Ich kann kaum die Mensa (Kantine der Hochschule) meiden, wenn ich gute Beziehungen zu Kommilitonen aufbauen will, was für mich essentiell ist, um von jenen die Hilfe zu bekommen, die ich brauche, um auf den aktuellen Stand gebracht zu werden, wenn ich aufgrund eines Meltdowns nicht in der Lage bin, einige Veranstaltungen besuchen zu können. Zurzeit bin ich etwa jeden zweiten Tag im Meltdown - unfähig den nächsten Tag durchzuhalten. (Manche Ärzte könnten das ganz nebenbei bereits als Depression missinterpretieren.)


Zitat von 0LifeSkills:
Ich bekomme Angst, wenn jemand schreit, auch wenn er gar nicht mich anschreit.. Ich erschrecke sehr schnell, auch vor meinem eigenen Schatten, unerwarteten Geräuschen, schnellen Bewegungen etc. Ich hasse das Geräusch, wenn man das Klo putzt, wenn die Bürste an der Schüssel streift, mag aber schon immer die Geräusche von Staubsaugern, Haartrocknern, Wäschetrocknern und Regen. Davon bekomme ich manchmal eine Gänsehaut und ich werde ruhiger. Wenn ich tagsüber schlafe, höre ich mir diese Geräusche gerne nebenher auf youtube an.
Viele Autisten haben eine sehr stark ausgeprägte Sensitivität/Sensibilität. Oder anders ausgedrückt, ein sehr intensives und umfassendes Erleben der/aller sensorischen Eindrücke aus der Umwelt. Ob dies negativ oder positiv von einem wahrgenommen wird, hängt meiner Ansicht nach von den Assoziationen ab, die man damit gemacht hat. Meist in der frühsten Kindheit, da man eben von Mutterleib an Autist ist. Damit erklärt sich zumindest für mich, warum ich kein Problem damit habe, manchmal sehr laut Musik mit den Kopfhörern hören zu können, und mich damit zu entspannen, während mich bereits das Klicken eines Kugelschreibers völlig überreizen kann. Oder warum es entspannend für mich sein kann im Wald von allen Seiten alle möglichen leisen Geräusche wahrzunehmen, dagegen in der Klasse mit 20-30 anderen Leuten in einen Overload geraten kann, obwohl diese nicht reden, sondern nur in Taschen wühlen, mit Kulis klicken, das Lineal auf dem Blatt Papier schieben etc. Ist ja im Prinzip alles das gleiche und doch ganz anders in der Wirkung auf mich.


Zitat von 0LifeSkills:
War das jetzt zu viel? Manchmal kann ich mich kaum bremsen, auch beim Reden ist das so.
Nein, für mich nicht. Ich kann sehr gut und lange zuhören, ebenso lange Texte gut am Stück lesen und auffassen.

Zitat von 0LifeSkills:
Ich "tice" auch fast nur, wenn ich vielen Reizen ausgesetzt bin, in der Öffentlichkeit, Schule, Ausbildung.
Solche Tics treten bei mir ebenso gerne unter Reizsituationen auf. Anfänglich arbeite ich gerne mit Druck - die geballte Faust auf die Oberschenkel drücken, Finger verdrehen bis es leicht schmerzt, und ähnliche Dinge. Später bemühte ich mich, das bewusst durch eine eigen Körpersymbolik zu ersetzen. Als Beispiel, die Arme gerade gegen den Boden strecken und in Gedanken mit dem Daumen und Zeigefinger den Boden berühren, um mich akut zu beruhigen. Bei diesem Bewegungsritual wandte ich mehr und mehr ein tiefes Ein- und druckvolles Ausatmen an. Heute reicht es meist, dass ich nur noch tief einatme und unter leichtem Druck ausatme. Sollte es dennoch mal mehr benötigen, habe ich immer noch meine eigene Beruhigstechnik mit den Armen.

Tics wird man wohl nie los bekommen, aber sie lassen sich ganz gut durch andere ersetzen und dabei sogar in der Wirkung verbessern. Eigene bewusst antrainierte Tics fallen unter anderem nicht mehr so sehr auf, so dass man nicht in eine Stresssituation gelangt, wenn jemand einen darauf anspricht, oder gar auslacht.

Ich stehe zwar zu meinem Autist-Sein, ganz offen, trotzdem ist es für mich besser, wenn ich gewisse Dinge eher verborgen und versteckt mache, oder gewisse Tics gar in ganz gewöhnliche Muster anderer Menschen bewusst ändere. So wie das Strecken der Arme. Ganz normal, macht doch jeder Mensch mal.
Andere Dinge, wie meine kindliche Vorliebe ohne Schuhe über den Vorfuß zu gehen, teste ich mehr und mehr in der Gesellschaft aus. In Kliniken ging ich ohnehin schon immer barfuß, egal was die Ärzte sagten. Zuhause sowieso immer. Dies teste ich nun ebenso in meiner Hochschule aus. Bislang ziehe ich die Schuhe nur in den Veranstaltungen aus. Bislang kam keine negative Reaktion von anderen. Der nächste Schritt ist ebenso Barfuß durch die Flure zu gehen. Ich bin gespannt, wie das wahrgenommen wird und ob andere Fragen dazu stellen, oder mich nur blöd angucken werden.
Ziel dieser Sache ist, meine Eigenart normal zu machen, anstatt dass ich mich zwanghaft normal machen soll. Der ursächliche Grund dafür ist jedoch, dass es einfach unangenehm ist, die Füße in Socken oder gar Schuhe zu packen. Darin ist es eng, feucht, beklemmend. Ein ewig-andauernder Reiz. Sind die Füße frei davon, sind die Reize viel angenehmer für mich, obwohl ich dann viel mehr über meine Füße wahrnehme. Dieser Reizinput beruhigt mich aber, er dämpft die anderen, das Sehen, das Hören. Das Gehirn wird damit sehr gut beschäftigt und daher vernachlässigt es wohl etwas das Sehen und Hören. freuen

Das sind meine eigenen Erfahrungen. Ich möchte keinen das als etwas verkaufen, was ihm gut täte oder so. Nein. Mir ist eigentlich nur wichtig, dass ich anhand meiner Person zeigen kann, dass es als Autist, wie ich es bin, sowohl Dinge gibt, die sehr schwierig sind und sehr belastend, aber auch gute Dinge. Besonders wichtig finde ich, dass man in allem kreativ, neugierig, mutig und erfinderisch ist. Sich nicht über das Defizit definieren und zeigen und darstellen lassen. Autismus eben nicht als Krankheit ansehen, sondern als Chance (für NA) andere Sichtweisen erfahren zu können.

Damit schließe ich meinen Roman.


04.05.18, 00:33:15
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