Lisa M.
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So, einerseits ist hier immer mal vom "hochautonomen Individuum" die Rede, andererseits kann ich mich bei mir auch an eine dazu im Widerspruch stehende Tendenz erinnern und finde hier Geschichten wie z.B., dass jemand sehr lange an den Weihnachtsmann geglaubt hat.
Vor längerer Zeit schon - ohne was von AS zu wissen - bin ich drauf gekommen, dass ich meinen Eltern geradezu dankbar sein müsste, dass sie während meiner Pubertät alkoholbedingt so widersprüchliche moralische Anweisungen gaben und auch mit ihrem eigenen Handeln oft im Widerspruch zu dem standen, was sie mir so erzählten, dass mir einfach nichts anderes übrig blieb, als selbst zu denken. Ich war damals nämlich gern bereit, an nahezu beliebige Werte zu glauben wie ein kleines Kind an den Weihnachtsmann, und mich ohne Bedenken daran zu halten. Es war nur eben nicht möglich. Um's mal ins Komische zu ziehen:
Da hatte mir meine Mutter ewig was vorgeschwärmt von der "großen Liebe" und dass Liebe überhaupt das Wichtigste sei im Leben, und da hatte ich nun einen Kerl und war bereit, die Schule zu schmeißen und ihn zu heiraten, und dann war's auch wieder nicht recht. Plötzlich hieß es, ich dürfe nicht in Weiß heiraten, weil ich keine Jungfrau mehr sei. Starkes Stück! Hatte meine Mutter nicht stets erzählt, dass sie und mein Vater ihre Heirat noch während der Minderjährigkeit meiner Mutter durchgesetzt hatten, indem sie für eine Schwangerschaft sorgten? Das war mir als das vermittelt worden, was man so tut, wenn man lieber mit seinem Freund zusammenleben will als mit seinen Eltern. Und außerdem, das Kinder das Schönste sind im Leben und dass ein Dasein als Hausfrau und Mutter erstrebenswerter sei als ein Beruf. Ich hab mich an all das artig gehalten, und plötzlich war die Hölle los.
Auch bei der Schwierigkeit mit dem Lügen hab ich jedenfalls bei mir nicht das Gefühl, dass ich zu verpeilt bin um zu wissen, wie man das macht. Ich kann da nur einfach meine spontanen Skrupel nur dann überwinden, wenn ich mir die Sache vorher in Ruhe überlegen konnte und zu dem Schluss gekommen bin, dass es einen ethisch einwandfreien Grund dafür gibt. Insbesondere, wenn mir die andere Person sympathisch ist, bin ich da einfach durch Skrupel gehemmt. Ich kann mich erinnern, dass ich mal ziemlich schockiert war, als ich mitkriegte, wie meine Mutter am Telefon jemanden belog.
Ich kann mich erinnern, dass ich mal furchtbar schockiert war, als mein Bruder von meiner Mutter sprach und sie erstmals "die Alte" nannte. Und das war wirklich schon recht tragisch für mich, denn erschwerend kam hinzu, dass er grade für meiner Mutter "der Brave" war, während ich "die Widerborstige, Ungezogene" zu sein schien. Wie ungeheuer heimtückisch erschien er mir von da an! (Naja, das ist ein *bisschen* übertrieben...)
Ich war auch schockiert (da war ich über 20), als mir eine Bekannte erzählte, dass sie nicht bereit sei, für ihren Mitbewohner mit zu putzen, obwohl der einen Job hatte und sie nicht. "Aber man muss doch zusammenhalten und sich gegenseitig helfen", so ungefähr war mein Einwand. "Ja, aber er gibt mir ja auch nichts von seinem Geld." antwortete sie. Das gab bei mir 'ne spontane Erkenntnis, dass sie Recht hat, die wohl später dazu führte, dass ich mich mit Theorien über die ökonomische Bedeutung der Reproduktionsarbeit im Kapitalismus befasste.
Kurz: Ich glaube, dass ich mich auf andere Art von dem mir vermittelten Wertesystem abgenabelt habe als die meisten Leute. Mehr durch Logik und dadurch, bei Widersprüchen entscheiden zu müssen, was davon nun richtig ist und was nicht, während es anderen oftmals leichter zu fallen scheint, sich einfach über sowas hinwegzusetzen, ohne das Wertesystem an sich in Frage zu stellen.
Daraus resultiert natürlich die Notwendigkeit von einer Menge Grübelei, und man wird immer mal wieder für sehr aufrührerisch gehalten, wenn man seine Zweifel und Einwände offen vorträgt, während andere still und leise "Fünfe gerade sein lassen" und brav mit dem Kopf nicken. Was ich dann wieder höchst ungerecht finde natürlich.
Wie steht ihr zu Werten? Welche habt ihr übernommen und welche selbst herausgebildet? Und: Ist da bei euch 'ne strukturell ähnliche Entwicklung abgelaufen wie bei mir?
Sämtliche Angaben erfolgen nach bestem Wissen und Gewissen, im Bemühen um Logik, Nachprüfbarkeit und Einhaltung der kulturell bedingten Realitätsvereinbarung.
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