Wursthans
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_OO_ auf der Suche nach der wahren Definition
_OO_
20/05/2006 22:41
Hier eine Wiederholung eines eingeschlafenen Threads in einem Forum in dem ich derzeit ohne Angabe von Gründen gesperrt bin
Woanders hatte ich schon einmal versucht das Wesen von Autismus besser und systematisch statt anhand von eine Liste von Symptomen in einer Diskussion für mich mehr zu klären. Dieser Versuch war leider gescheitert, da dort ADSler in die Diskussion einbezogen waren. Ich möchte nun einen neuen Versuch wagen und werfe dazu nun einige eher ungeordnete Gedanken in die Runde (bitte stört euch nicht an Widersprüchlichkeiten, das nennt man Dialektik).
Was ist also Autismus? Warum haben viele den Eindruck, daß AS eine ausgesprochen hohe Bandbreite von Persönlichkeiten abdeckt? Wie einheitlich ist die Ursache von Autismus? Wenn es einen fließende Übergang zur Normalität gibt wo und vor allem wie ist die Grenze sinnvoll zu ziehen?
In Foren, die sich mit Autismus beschäftigen las ich mit Interesse Rangkämpfe und den Status "wahrer Autist" und "Möchtegernautist". So las ich von eine Mutter, die oft der Ansicht war, daß ihr Kind ein wahrer Autist sei, aber viele andere im Forum nicht. Warum solche Grenzen ziehen, wenn es nicht um offizielle Konsequenzen, sondern ein Selbstgefühl geht? Warum interessieren sich Menschen für AS, wenn sie nicht Ähnlichkeiten in sich finden? Warum sollte man sie als unechtere Autisten betrachten? Ich identifiziere mich mit anderen Symptombildern auch nicht, weil ich sie nicht als mir ähnlich erkenne (z.B. ADS).
Mir ist klar, daß manche massive Probleme haben ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Ich liege vermutlich irgendwo in der Mitte. Aber mit fortschreitender Beschäftigung bin ich für mich immer mehr zu dem Schluß gekommen, daß Autismus nicht ursächlich daran festzumachen ist wie schwerwiegende Probleme jemand im Alltag hat.
Derzeit finde ich die These am plausibelsten, daß Autismus seine Ursache in einer gesteigerten Reizwahrnehmung hat, die aber größtenteils nicht zu echter Wahrnehmung geordnet werden kann (banal). Ich habe gelesen, daß es einen Ansatz gibt, daß ein Hirnareal deutlich verringerte Aktivität aufweist. Ich nehme das oder etwas ähnliches als vorerst plausibelste Ursache an, auch wenn ich nicht weiß ob diese vielleicht auch mehr eine Folge einer tieferliegenden Ursache sein könnte. Die Schwere von Autismus könnte folglich unter anderem von der empirischen Qualität der Restaktivität abhängen. *schwafel*
Wenn ich nun von einer derartigen speziellen Wahrnehmung ausgehe ist für mich die Bandbreite der Persönlichkeiten und damit verbundenen Erscheinungformen von Autismus gut verständlich. Die Grundlage ist ähnlich, nämlich die Tatsache, daß die Person Sinnesmatsch wahrnimmt und nicht zuordnen kann. Nun halte ich es für entscheidend wie 1. sich die Interessen der Person entwickeln 2. die grundlegende Begriffsfähigkeit der Person ausgeprägt ist. Wenn ein Autist sich nicht (hauptsächlich) für die ihn umgebende Sinneswelt interessiert oder nur für das Muster des Parketts, dann wird der Zusammenhang von 1. und 2. deutlicher. Wer hat schon Interessen, die seine Begriffsfähigkeit übersteigen? Solche Interessen wären entweder sehr ungesund oder gar nicht greifbar.
Autisten nach der in ihrer Abgrenzung wohl relativ haltlosen "Kanner"-Schublade sind aber nicht unbedingt weniger begriffsfähig als Autisten nach der demnach wohl ebenso willkürlichen "Asperger"-Schublade. Dennoch habe ich gelesen, daß diese im Durchschnitt weniger intelligent sind. Und hier fängt meine Hauptfrage an.
Wenn wir zwei genau gleich starke Autisten haben und einer ist weniger begriffsfähig und fällt in die Kanner-Schublade, der andere jedoch ist begriffsfähiger, entwickelt daraus komplexere Interessen seine Reizwahrnehmungen zu ordnen und fällt daher in die Asperger-Schublade, warum scheint es mir dann derzeit allgemein üblich zu sein davon zu schreiben der eine sei ein stärkerer Autist als der andere? Gemessen an der symptomorientierten Definition scheint mir das zumindest verständlich. Auf die Sache bezogen logisch finde ich es jedoch ganz und gar nicht. Was ist Kompensation denn? Ist es "Heilung"? Nach meinem Verständnis kann gerade die auch Kompensation zu schwerer Not führen. Man ist völlig überfordert und brennt aus, ist nur noch ein Schatten seiner selbst und wird trotzdem von vielen Mitmenschen als nur teilweise genügend bewertet. Ich will nicht aufrechnen, ich denke, daß das nicht möglich ist, aber ich frage mich schon weswegen hier wieder einmal derjenige "bestraft" wird, der sich mit großem Engagement noch halbwegs an Anforderungen anpasst und dann zum Dank als weniger hilfbedürftig eingestuft wird als ein Autist, der schnell um sich schlägt oder dergleichen tut. Mir scheint hier wieder einmal der "Frechere" zu "siegen" und das macht mich sauer, ganz unabhängig davon was man mir persönlich nun andichten möchte. Müßten nach dieser Logik nicht auch behinderte Spitzensportler, die nur ein Bein besitzen als weniger behindert eingestuft werden, wenn sie z.B. bestimmte sportliche Kriterien besser erfüllen als "Nichtbehinderte"? Ist das Integration? Ist das ein ehrlicher Ansatz?
Wie vermutet ihr entstehen Interessen oder Nichtinteressen? Diese Frage ist für mich noch relativ offen, ich finde sie jedoch interessant.
Ein heutiges nicht besonderes Beispiel aus meinem Leben:
Mit geht (ging?) es heute ziemlich gut. Wenn das so ist hat meine schauspielerische Leistung eine höhere Qualität (die ich inzwischen teilweise als Teil von Sprache verwende, jedoch so bewußt wie auch Worte und mit einer vergleichbaren inneren Beziehung dazu). So kam es vermutlich, daß ich gerade ein ungewöhnlich langes Gespräch führte (ca. eine Stunde) das teilweise sogar ansatzweise interessant war. Es endete allerdings mit Ausführungen meines Gesprächspartners über Depressionen und die Notwendigkeit etwas gegen diese zu tun, weil sie sich sonst nur noch weiter festsetzen würde (eines meiner Lieblingsthemen ). Während der ersten zehn Minuten ging das Gespräch für mich danach entwickelte sich der Drang wegzugehen für meine Verhältnisse unterdurchschnittlich. Am Ende des Gesprächs war mir lediglich etwas schwindelig, was sich jetzt nach dem Gespräch etwas verstärkt.
Also: Heute bin ich fast "normal". Relativ jedenfalls. Bin ich heute weniger "behindert" als vorgestern? Dieses Beispiel soll anregen sich konkretere Gedanken zu dieser Frage zu machen.
Ich finde es gut, wenn Menschen Hilfestellung bekommen, wenn sie Probleme haben. Ich bin aber an sich auch ein eher stiller Mensch, der selten sagt was mit ihm los ist. Daher finde ich (dies soll hier von mir aus nur ein Teilthema sein) daß zu viel Augenmerk darauf gelegt wird was offen als lästig auffällt. Willkürliche Anwendung von Diagnosekriterien, die davon ausgeht halte ich für "nicht gesund" . *bla*
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Und davon ausgehend stelle ich die Frage ob ein Autist z.B. Montag 60% behindert ist und am Mittwoch nur 50%. Wenn man nicht nach der Ursache geht (Autismus), sondern der Alltagstauglichkeit (wer schön still ist und (z.B. aus Angst vor längeren Gesprächen) manchmal nach TT-Maß halbwegs brauchbare Reaktionen zeigt, der ist auch weniger autistisch und weniger behindert) ist das die zwingende Konsequenz. Wenn ich also in der Schule möglichst vermieden habe aufzufallen um nicht in Kontakt mit jemandem zu kommen bin ich weniger autistisch und somit auch weniger behindert als ein Autist der um sich schlägt (polemisch-ironisch gemeint). Das scheint mir heute noch oft so bewertet zu werden. Und das ist ein Teilthema, das mich derzeit bewegt, weil es mir aufgrund nicht vorhandener innerer Systematik und Logik völlig inakzeptabel erscheint.
[...]
Es gibt Positionen die meinen, daß die Menschen, die nicht verrückt sind oft in psychiatrischer Behandlung zu finden sind. Das würde ich so extrem nicht formulieren, dennoch sehe ich etwas Wahres daran. Eine Hochkultur, die es nicht schafft nachhaltig über ihre tierischen Wurzeln hinauszukommen kann die Folgen ihres Tuns nach meiner Ansicht nur vor sich herschieben. Mir ist es nach wie vor ein Rätsel sondergleichen weswegen so viele Menschen lieber auf ein völlig nutzloses 50T€-Auto hinarbeiten als sich selbst zufrieden zu machen. Wer kann von einer Gesellschaft die dieses selbstauflösende Verhalten noch zur Tugend erhebt erwarten, daß sie auf Menschen Rücksicht nimmt, die Schwächen haben aber nicht schreien? Jeder hat gefälligst die Zähne zusammenzubeißen und anzupacken. Daß jemand freiwillig Leistung erbringt scheint gerade Personen mit gesellschaftlicher Machtposition oft unwahrscheinlich zu sein. Die anderen haben mehr wie Glieder einer Maschine zu funktionieren. Freizeit ist da um die Funktionsfähigkeit wieder herzustellen.
Ich finde es höchst amüsant, daß diese Gesellschaft sich als human versteht. Human scheint zu bedeuten, daß man ein wenig Sozialversorgung zur Verfügung stellt um die Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu dämpfen. Das ist nur nötig in dem Maße in dem ein politisches System instabil ist. Darin sehe ich den Grund weswegen gerade im "besseren Deutschland" nach dem Kalten Krieg die Sozialleistungen zusammengestrichen werden (damit unterstelle ich, daß die Sozialsysteme in Deutschland auch unter den schwieriger werdenden demographischen Bedingungen zu halten wären, wenn der politische Wille dazu vorhanden wäre). Sie waren da um den Rotfaschismus abzuwehren und haben ihren Zweck erfüllt. Das Gesundheitssystem scheint mir in Fortführung dieser wenig schmeichelhaften Logik vor allem für die Gesunden da zu sein. Diese sollen sich keine Sorgen machen und bei Defekten auch möglichst arbeitsfähig bleiben. Wenn es sich im Einzelfall auch nicht rentiert, so wird auch hier wieder Zufriedenheit unter den Gesunden erkauft.
Ist es wirklich so schlimm? Ich denke durchaus, daß einige Entscheidungsträger wirklich diese Maßnahmen aus Sorge um den Menschen veranlassen und tragen. Dennoch sehe ich immer wieder wenn ich mir die Realität der Sozial- und Gesundheitsfürsorge ansehe, daß der Schwache nicht gut behandelt wird. Ein ernsthaft um die Menschen besorgtes Fürsorgesystem würde nicht warten bis die Menschen an die Bürotür klopfen und vielleicht noch menschlichen Schickanen trotzen, beziehungsweise den Rechtsweg beschreiten. Ein solcher um die Menschen besorgter Ansatz würde zu den Menschen kommen und fragen wie es ihnen geht. Hier besteht aber offenbar das stillschweigende Übereinkommen davon auszugehen, daß dann nahezu alle Menschen sich als schwach und leistungsunfähig darstellen würden. Daß diese Ansicht einem gut konzipierten Ansatz zu einem regionalen Versuch standhalten würde glaube ich nicht. Letztlich halte ich diese Gesellschaft aufgrund der Zusammensetzung der Menschen aus denen sie besteht für nicht in der Lage echte Humanität auch nur in Teilbereichen flächendeckend zu leben. Aber ich möchte auch nicht zu politisch werden.
Hier sehe ich also unter anderem Autisten die nicht schreien und auf andere Weise mit deutliche Signifikanz als "peinlich" auffällig werden als Opfer einer im Grunde menschenverachtenden Kultur, deren Reichtum (das wird sehr gerne verdrängt) auf Ausbeutung, Diebstahl und Krieg basiert und freien Wettbewerb nur dort hochhält wo das eigene Land davon im Verhältnis zu anderen Ländern auch profitiert. Wer kann von so einer Epoche ernsthaft Menschlichkeit erwarten?
Geändert von _OO_ am 20.May.2006 22:42
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