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Definition von Autismus?

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19.03.13, 02:34:44

eraser

Zitat von 55555:
Was das mit dem "Fehlen", etc. angeht habe ich den Eindruck, daß es da bei dir massiv hakt, also lasse ich das erstmal, auch wenn es mich irritiert darin anscheinend nicht verstanden zu werden. Kann sein, daß mich das bei den Antworten teilsweise noch ablenkt, zumal du die Begrifflichkeit ja weiterverwendest.

Ja, weil es mich einfach massivst ankotzt dass die berühmte autistische Wortpolizei, deren Mitglied ich ja bekanntermaßen auch mal war, den Leuten erstmal erklärt, welche Wörter sie verwenden dürfen und welche nicht, anstatt sich zuerst darum zu kümmern, welche Probleme diese Leute haben und sie dann erst mal anregen, über Sprache nachzudenken.
Und weil es einfach Dinge gibt, die sehe ich ein und dann gibt es Dinge, die finde ich nebensächlich.

"Alle 18 Stunden wird in Delhi eine Frau vergewaltigt, schreiben die Zeitungen. In Deutschland geschieht dies, leider, alle 68 Minuten"
Das ist wichtig. Der Unterschied von "Fehlen" und "Nichtvorhandensein" ist weniger wichtig.

Zitat:

Aha, vielleicht bin ich ein Konzertbanause und eigne mich für eine Analyse in diesem Beispielsfall nicht. Ein Konzert ist doch angeblich so toll wegen dem Erleben dessen, daß man zusammen ist? Was das angeht fehlt mir vielleicht auch etwas das Verständnis des Reiz der ganzen Sache, die ja oft zudem nicht billig ist.

Die Akkustik ist ganz anders in großen Hallen.

Zitat:
Die große Masse der NA sind aber eben schon "so"? Es ist in ihnen, auch wenn sie es vielleicht nicht immer ausleben. Autisten sind keine Engel, klar. Was denkst du denn wie es in einer Welt aussehen würde, in der Autisten 99% der Bevölkerung stellen und NA zusammen mit den Schizophrenen als eine gemeinsame Minderheit betrachtet würde?

Schwer zu sagen. Vermutlich würden wir sie einfach als Schamanen betrachten oder als Quelle der Inspiration.

Zitat:
Achso und du meinst das ist bei allen Autisten so? Es soll ja auch diese Autisten geben, die ziemliche Kletten sind, wenn sie jemanden mögen. So sehr, daß NA das in der Regel zuviel wird (wohl nicht nur wegen der Unterschiede?).

So was soll es geben, aber das liegt wohl daran, dass Autisten nicht so viele Freunde haben und sich auch schlecht auf viele Leute gleichzeitig einlassen können. Ich habe auch immer meine "Lieblingsperson".

Zitat:
Auch in anderen Wissenschaften existieren ähnliche Probleme unsauerer Deutungen. Keine Ahnung, warum das offenbar so weitgehend toleriert wird.

Weil Wissenschaft ein einziger NA-Mafiasumpf ist, wo es nur darum geht, Gelder für Studien zu bekommen, die dann schlampig zusammengewichst werden, Hauptsache das Gehalt stimmt.

Zitat:
Zitat:
Zitat:
Krankheit = soll weg. Richtig?

Dass wir (als Gesellschaft) kranke Menschen als weniger wert betrachten, soll weg. Es gibt aber in meinem Verständnis Krankheiten und man kann sie heilen.

Da ich nicht von kranken Menschen schrieb sehe ich das als Bestätigung. Was "krank" genannt wird soll weg, also das Dingsbums an einem Menschen, das man krank findet.

Nein, noch anders. Unabhängig von dem, was die schlauen Diagnosekriterienausdenker so meinen, soll ein Mensch, der sich krank fühlt und für den es eine schulmedizinische Heilung gibt, die Hilfe erhalten, die er benötigt. Ich unterstelle, dass jeder mündig genug ist, um das einzuschätzen.

Beispiele:
Ich habe eine Bekannte, die eine Psychose hat und sie hat entschieden, dass ihr Leben mit Medikation einfacher zu bewältigen ist, sie betrachtet sich aber nicht als krank.
Ich bin autistisch und finde, dass ich nicht krank bin und Medikamente für mich nicht in Frage kommen.
Meine Mutter hat Diabetes und hat entschieden, dass sie ohne Medikamente nicht überleben kann und eine Krankheit hat.
Das alles sind offiziell "Krankheiten", wobei sowohl meine Bekannte als auch meine Mutter nicht finden, dass ich eine Krankheit habe. Ich finde, dass meine Mutter eine Krankheit hat und dass meine Bekannte traumatisiert wurde, dass ihre "Krankheit" also keine ist, sondern ein Selbstheilungsmechanismus ihrer Seele. Sie selbst sieht das auch so.
Wie wir mit den Diagnosen umgehen, ist also unsere Entscheidung. Ich definiere Krankheit als eine Art Beinbruch (an dem man sehr wohl unbehandelt sterben kann) und bei einem Beinbruch will ich geheilt werden.
Jemand anders hat eine andere Meinung und die akzeptiere ich auch.
Nicht die Krankheit (was auch immer das ist für den einzelnen) soll also weg, sondern unser Umgang mit Menschen, die "Krankheiten" haben, soll sich ändern.
Psychosen sind ja auch nicht "heilbar", meine Bekannte unterdrückt lediglich die Symptome, aber ohne die Psychose wäre sie nicht der Mensch der sie ist und ich mag sie genau so. Und sie sich selbst auch. Da soll die "Krankheit" nicht weg.
Während es meiner Mutter sicher besser gehen würde ohne Diabetes.
Ich hoffe, das war jetzt unmissverständlich.

Zitat:
Wir sind uns darin einig, daß diese luktarive immer weitergehende Ausdehnung von Diagnosen gestoppt werden und teilweise auf ein sinnvolles Maß beschnitten werden muß. Der ganze Psychodiagnosenbereich könnte eigentlich geschlossen gestrichen werden.

Definitiv ja, wenn es darum geht, aus jeder Charakterbesonderheit eine Krankheit zu machen.
Unsicher in den Fällen, die erst durch die Umwelt zu "Krankheiten" werden. In Naturvölkern gibt es keine Psychotiker, nur Schamanen, aber wir leben nicht im Wald und Psychotiker sind u.U. arbeitsunfähig und brauchen eine Krankschreibung.
"Sinnvolles Maß" klingt sehr gut.

Zitat:
Zitat:
Das beeinträchtigt meine Lebensqualität nur temporär und es ist noch kein Mensch an Parkplatznot gestorben.

Naja, an gebrochenen Beinen wohl auch nicht viel mehr?

Offene Fraktur, unbehandelt, Infektion, Wundbrand, Blutvergiftung...
Es sterben nur deshalb keine Menschen an Brüchen, weil die behandelt werden.

Zitat:
Zitat:
Ja, aber "kein Geld in der Kasse" oder "Geld nicht vorhanden" oder "Abwesenheit von Geld" wird auch als negativ wahrgenommen.

Ich denke das ist ein Punkt um den es geht. Es ist nicht übertragbar mit "kein Geld". Denn es wird gemeint, daß ein erwarteter Zustand der "richtig" wäre nicht vorgefunden wurde.

Fehlen ist aber nicht das Gegenteil von richtig. Fehlen/ abwesend sein weist vielleicht in stärkerem Maße auf einen Mangel hin, impliziert eher, dass da vorher etwas gewesen sein könnte, aber das geht mir dann wirklich zu weit. Vor allem, wenn man das als Pathologisierung betrachtet. Ich würde da wirklich gern eine Grenze ziehen, weil "Fehlen" in der Umgangssprache einfach nur bedeutet, dass etwas nicht da ist. Gruppe A hat Merkmal X und bei Gruppe B fehlt es.

Zitat:
Zitat:
"Mir fehlen sämtliche Krebssymptome, ich bin kerngesund!" klingt allerdings ganz gut. "Natürliche Feinde fehlen" auch.

Aber auch in diesen Fällen kommt durch diese Wortwahl zum Ausdruck, daß es eine Erwartung gibt, die Maßstab ist. Es wird mitgeteilt, daß diese Erwartung in einem Fall nicht eingetroffen ist. "kein XY" hat diese normorientierte Aussagedynamik nicht.

Nicht in diesem Ausmaß und bezogen auf den Zusammenhang. Aber das ist wirklich Haarspalterei. Da fehlt mir das Verständnis.

Zitat:
Zitat:
Vermutlich haben die Primärprobleme zu lösen. Also im Real Life.

Du hast noch nicht erläutert inwiefern sich beides widersprechen soll.

Beides verbraucht Ressourcen. Energie und Zeit. Wenn ich z.B. meine kranke Mutter pflege oder ehrenamtlich Kindertheater organisiere, habe ich weniger Zeit für Wortspielereien.

Zitat:
Zitat:
Ich lehne ihn ab, aber wer ihn für sich verwenden will, kann das gern tun.

Dein "Fehlen" beziehst du aber auch nicht nur auf dich?

Mir fehlen Filter, mir fehlt Geld und Milch ist auch alle. Wenn andere den Begriff pathologisierend finden, sollen sie eine Gesellschaft zur Reinhaltung der Autistischen Sprache gründen.
Dann gründe ich eine Gegengesellschaft, einfach nur so, weil es mich so tierisch ankotzt, dass DAS THEMA schon wieder über ganze Seiten breitgetreten wird.
Mal im Ernst, Autisten haben andere Probleme. Ich habe andere. Ich bin schon wieder an dem Punkt, wo ich mich ausklinken und in der Versenkung verschwinden will.

Ich sehe ein, dass "ungefilterte Wahrnehmung" wesentlich mehr sexy klingt als "Abwesenheit von Wahrnehmungsfiltern", "Spezialität: ungefiltertes Bier" klingt auch besser als "wir haben leider keinen Bierfilter". Da ist schon was dran. Aber wir sind hier noch nicht an dem Punkt "Wie schreiben wir das möglichst sexy in irgendein Papier, das wir dann den NAs zur Selbsterklärung überreichen", sondern wir sind an dem Punkt "Wer sind wir?"
19.03.13, 13:55:24

55555

Zitat von eraser:
den Leuten erstmal erklärt, welche Wörter sie verwenden dürfen und welche nicht, anstatt sich zuerst darum zu kümmern, welche Probleme diese Leute haben

Tue ich das denn?
Zitat:
Die Akkustik ist ganz anders in großen Hallen.

Ahja.
Zitat:
Vermutlich würden wir sie einfach als Schamanen betrachten oder als Quelle der Inspiration.

Und, gibt es da auch Kriege? Wie organisiert sich die Gesellschaft? Wie werden Konflikte ausgetragen, die es zweifellos auch in einer solchen Welt geben wird.
Zitat:
Weil Wissenschaft ein einziger NA-Mafiasumpf ist, wo es nur darum geht, Gelder für Studien zu bekommen, die dann schlampig zusammengewichst werden, Hauptsache das Gehalt stimmt.

Wie wäre es damit: Wissenschaft ist eine kulturelle Prothese für NA um wengistens ein bischen fundierte Grundlagen zu schaffen und diesen zu Anerkennung zu verhelfen.
Zitat:
Unabhängig von dem, was die schlauen Diagnosekriterienausdenker so meinen, soll ein Mensch, der sich krank fühlt und für den es eine schulmedizinische Heilung gibt, die Hilfe erhalten, die er benötigt. Ich unterstelle, dass jeder mündig genug ist, um das einzuschätzen.

Also auch ein Schwuler, der das diese Neigung an sich als krank empfindet? Auf Kosten der Krankenversicherung? Gilt das dann auch für Alltagsdoping? Koks auf Rezept vielleicht?
Zitat:
Psychosen sind ja auch nicht "heilbar", meine Bekannte unterdrückt lediglich die Symptome

Naja, aber es scheint ja oft einen psychischen Grund für eine solche Krise zu geben.
Zitat:
Psychotiker sind u.U. arbeitsunfähig und brauchen eine Krankschreibung.

Diese Dinge werden jetzt vielleicht in einem Zusammenhang gesehen, zwangsläufig ist der aber sicher nicht.

Was denkst du zur Testosteronthese von Baron-Cohen? Kannst du die mit der Frage der unfreien Reizverarbeitung zusammenbringen?
22.03.13, 06:31:48

eraser

Zitat von 55555:
Zitat von eraser:
den Leuten erstmal erklärt, welche Wörter sie verwenden dürfen und welche nicht, anstatt sich zuerst darum zu kümmern, welche Probleme diese Leute haben

Tue ich das denn?

Nicht bewusst vermutlich, aber die Debatte der letzen Seiten zeigt, dass dir Bezeichnungen wichtiger sind als das eigentliche Thema.

Zitat:

Und, gibt es da auch Kriege? Wie organisiert sich die Gesellschaft? Wie werden Konflikte ausgetragen, die es zweifellos auch in einer solchen Welt geben wird.

Es ist schwer, sich das vorzustellen. Ich habe keine praktischen Erfahrungen mit einer autistischen Welt, ich weiß nur, dass mich im Mathe-Club alle geliebt haben und in der Schule alle verkloppt. Also, was soll ich sagen? Was würde Lisa Simpson sagen? Genau: "Jetzt fehlt mir nur noch ein intellektueller Junge im Rollstuhl."

Zitat:
Wie wäre es damit: Wissenschaft ist eine kulturelle Prothese für NA um wengistens ein bischen fundierte Grundlagen zu schaffen und diesen zu Anerkennung zu verhelfen.

Klingt gut.

Zitat:
Zitat:
Unabhängig von dem, was die schlauen Diagnosekriterienausdenker so meinen, soll ein Mensch, der sich krank fühlt und für den es eine schulmedizinische Heilung gibt, die Hilfe erhalten, die er benötigt. Ich unterstelle, dass jeder mündig genug ist, um das einzuschätzen.

Also auch ein Schwuler, der das diese Neigung an sich als krank empfindet? Auf Kosten der Krankenversicherung? Gilt das dann auch für Alltagsdoping? Koks auf Rezept vielleicht?

Da steht "der sich krank fühlt und für den es eine schulmedizinische Heilung gibt" und das ist für Schwule nicht drin. Dennoch würde ich einen Schwulen, der sich als krank bezeichnet, in Ruhe lassen. Ich würde vielleicht mal eine Bemerkung machen und sicher würde mir der Mensch leid tun, wie diese ganzen angeblich von Gott geheilten Irren, aber es soll jeder nach seiner Facon unglücklich werden.
Die Krankenversicherung und die offiziellen Diagnosen sind wieder ein anderes Ding. Im ICD-9 war Homosexualität noch gelistet. Aber weil es keinen "Diskriminierungsausgleich" gibt, sind Menschen darauf angewiesen, sich "krank schreiben" zu lassen. Die Homosexuellen und Schwarzen gehen leer aus. Verständlich, denn sonst müsste man ja Frauen das Drittel Gehalt, das sie für dieselbe Arbeit nicht bekommen, auch aus diesem Topf bezahlen. Wer soll das bezahlen? Da könnte man ja keine Millionen mehr an Banken verschenken oder Überwachungsdrohnen für eine halbe Milliarde anschaffen.

Zitat:
Zitat:
Psychosen sind ja auch nicht "heilbar", meine Bekannte unterdrückt lediglich die Symptome
Naja, aber es scheint ja oft einen psychischen Grund für eine solche Krise zu geben.

Es gibt oft einen Grund in der Gesellschaft. In diesem speziellen Fall wurde die Frau traumatisiert durch die unangemessene Weise, wie manche Männer mit Frauen umgehen und dann kam der Leistungsdruck und das Bemühen, den Menschen möglichst schnell wieder zum willenlosen Sklaven des Systems zu machen = zu therapieren. Diese Frau wurde vom System krank gemacht und nicht geheilt, sondern wieder funktionsfähig gemacht.
Die Psychose ist - in meinen Augen - ein Selbstheilungsmechanismus ihrer Seele, der aber nicht zum Zuge kommt, weil er unterdrückt werden muss, weil die Frau ja arbeiten = funktionieren muss.
Man könnte sie ja sonst nicht ausbeuten.
Man redet ihr ein, sie würde sonst der Gesellschaft auf der Tasche liegen, aber die Wahrheit ist, sie würde sonst nicht ausbeutbar sein.
Das sind aber gleich 2 Themen, die hier nicht wirklich hin gehören.

Zitat:
Zitat:
Psychotiker sind u.U. arbeitsunfähig und brauchen eine Krankschreibung.

Diese Dinge werden jetzt vielleicht in einem Zusammenhang gesehen, zwangsläufig ist der aber sicher nicht.

Nein, ist er nicht, aber wer hilft mir bei der Weltrevolution?
Das System ist nun mal eben da, die Gesellschaft hat sich nun mal so entwickelt, es ist nicht gerecht oder logisch, es ist einfach nur wie es ist. Im Rahmen dieser Gesellschaft und dieses Systems muss man Menschen helfen. Das heißt, zuerst einmal zuhören. Dann überlegen, was man tun könnte. Und irgendwann dann vielleicht mal anregen, über Sprachbenutzung nachzudenken. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", sagte Brecht, will heißen: Erst mal den Arsch an die Wand und dann die Philosophen lesen.

Zitat:
Was denkst du zur Testosteronthese von Baron-Cohen? Kannst du die mit der Frage der unfreien Reizverarbeitung zusammenbringen?

Baron-Cohen sehe ich sehr ambivalent.
Zum einen stört mich, dass das E-Gehirn als "weiblich" bezeichnet wird und das S-Gehirn als "männlich". Wenn man dann die Diagramme betrachtet, sieht man, dass die meisten Menschen ein E+S Gehirn haben und nur die seltenen Extrembegabungen in Zusammenhang mit biologischem Geschlecht stehen. Die Grenzziehung bei der Einteilung in E, S und A ist auch sehr willkürlich.

Zum anderen stört mich, dass Baron-Cohen Neugeborenen Mobiles und Bilder von Gesichtern zeigt und dann, nachdem 4% der männlichen Neugeborenen "länger" auf das Mobile schauten als auf das Gesicht und 6% der weiblichen länger auf das Gesicht, ein Spiegel-Interview gibt, das unter dem Titel "Frauen denken anders" veröffentlicht wird. Schließlich hat er gerade genau das Gegenteil bewiesen. Frauen denken eben nicht anders, Männer auch nicht, Frauen interessieren sich nur ein kleines bisschen mehr für Menschen und Männer ein kleines bisschen mehr für Technik. In dem Moment ihrer Geburt sind ca. 5% aller Menschen "typisch weiblich" oder "typisch männlich".
Und das wird uns verkauft als "Frauen denken anders"? Da schaue ich mir lieber Baron-Cohens berühmten Cousin an, der verkauft seine Jokes wenigstens nicht als Wissenschaft.

Dazu kommt, dass "Irgendwer zeigt einem Baby irgendwas" extrem unwissenschaftlich ist, weil ein Baby vielleicht spürt, was es tun soll. Es will ja eine friedliche, harmonische Umwelt und keine verspannten Forscher, die nicht die Ergebnisse bekommen, die sie bekommen wollen.
Und die Forscher sind vielleicht auch unbewusst ungenau, weil sie das beweisen wollen, was sie schon zu wissen meinen.

Dann gibt es noch einen Kritikpunkt: Baron-Cohen behauptet, dass autistische Kinder im Mutterleib zuviel Testosteron abbekommen haben. Nun gibt es aber leider eine Reihe von "Erkrankungen" die durch einen erhöhten Testosteronspiegel hervorgerufen werden und diese zeichnen sich vor allem durch Abweichungen der Geschlechtsmerkmale aus.
Ich kenne etliche Autisten, aber weder sind die Frauen äußerlich vermännlicht, noch sind die Männer das, was der Volksmund unter einer "Testosteronschleuder" versteht.
Es haben nur fast alle ein großes Problem damit, sich so zu verhalten, wie die Gesellschaft geschlechtsspezifisches Verhalten erwartet.

Man sollte vielleicht Autisten als von gesellschaftlichen Rollenerwartungen weitgehend unbeeinflusste Menschen betrachten, dann könnte man auch endlich mal den Zoff zwischen Behavioristen und genetischen Deterministen klären. Geschlechtstypisches Verhalten ist zu einem kleinen Teil angeboren, in der Pubertät wird es vielleicht ein etwas größerer Teil (hormonell beeinflusst) und der größte Teil ist Zwang.
Das hat Baron-Cohen eigentlich herausgefunden, aber entweder checkt er es selbst nicht oder es ließ sich nicht so gut vermarkten, wie "Frauen denken anders".
Da sind wie wieder beim Thema NA-Wissenschaft.

Das Thema der "unfreien Reizverarbeitung" - erst einmal weiß ich nicht, ob derjenige unfrei ist, der alle Reize verabeiten muss oder derjenige, der sich nicht aussuchen kann, was er verarbeiten will. Beide sind ja eigentlich teilweise unfrei. Ich kann selektieren, aber das überfordert mich manchmal, andere können nicht bewusst ihre Wahrnehmung wahrnehmen, aber funktionieren gut in der Gesellschaft.
Der einzige Zusammenhang, den ich da leider sehe ist der des Sozialisierungszwangs für Frauen. Männern sieht man es eher nach, Vollnerd zu sein. Von Frauen erwartet man, sich für andere zu interessieren und Empathie zu entwickeln. Egal, ob das Talent vorhanden ist oder nicht.
In gewisser Weise hat jeder es in der Hand, wie er sein Gehirn programmiert. Autisten, also Menschen, die ihre Wahrnehmung wahrnehmen, können das viel zielgerichteter tun. Ich habe 10 Jahre gebraucht, um Emotionen an Gesichtern, Körpern und Stimmen zu erkennen, aber ich kann es jetzt besser, als die meisten anderen. Nur leider kann ich nicht gleichzeitig zuhören, was gesabbelt wird. Und - auch leider - eigentlich hätte ich viel lieber mal richtig programmieren gelernt.

Menschen, die sowohl in den logischen als auch in den emotionalen Bereichen überdurchschnittlich abschneiden, sind fast immer Frauen. Menschen, die extrem hohe Ergebnisse im logischen Bereich und sehr schlechte im sozialen Bereich haben, sind fast immer Männer.
Das hat gesellschaftliche Ursachen und es bedeutet eine doppelte Diskriminierung aufgrund des Geschlechts: Autistischen Jungs bringt man nämlich bestimmte Sachen gar nicht bei, während man Frauen zur Meisterschaft in diesen Bereichen zwingt.
Das ist genauso blöde wie alle Jungs zu zwingen, Automechaniker oder Fußballprofi zu werden, während man allen Mädchen erklärt, das sei doch nichts für sie, weil sie sich verletzen oder lesbisch werden könnten.
So frei nach dem Motto "Egal wer du bist und was du kannst, wir zwingen dich in deine Rolle bis du kotzt!"
Dem Drama hat B.-C. keine Abhilfe geschaffen.

Warum eine ungefilterte Wahrnehmung zwangsweise eher zu rationaler als zu emotionaler Intelligenz (von der Grundveranlagung her) führt, liegt darin begründet, dass von Anfang an ein System erfunden werden muss, um das Wahrgenommene zu ordnen. In diesem System ist Platz für Hierarchien, Kategorien, Ordnungen. Das Selbst wird in den ersten Lebensjahren organisiert.
In diesem System - dem Alltag eines Buchhalters der Wahrnehmungen - haben aber andere Menschen erst mal keinen Platz. Sie werden zerlegt in optische, akkustische, haptische und olfaktorische Reize. Dann werden sie einsortiert. Und das bleibt eine ganze Weile so.
Einen anderen Menschen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen ist bei einem Autisten eine Frage der Reife. Aber da kann man sich trösten, denn die viel weniger systematisch vorgehenden NA erreichen das sowieso nie.
22.03.13, 14:26:23

55555

Nach langer Zeit ist mir mal wieder ein Betrag in diesem Forum durch ein schlecht programmiertes Add-On abgeschossen worden. Also nocheinmal:
Zitat von eraser:
aber die Debatte der letzen Seiten zeigt, dass dir Bezeichnungen wichtiger sind als das eigentliche Thema.

Ich dachte es ging um Probleme, hier scheint es mir um eine Debatte aus Interesse am Thema zu gehen.
Zitat:
Es ist schwer, sich das vorzustellen. Ich habe keine praktischen Erfahrungen mit einer autistischen Welt, ich weiß nur, dass mich im Mathe-Club alle geliebt haben und in der Schule alle verkloppt.

Wenn die Definition was taugt, sollte man es sich eigentlich vorstellen können? Sicherlich, es wäre nur eine Vermutung, aber die Frage finde ich schon hochinteressant. Es ist ja nicht einfach nur die Frage, was Autisten tun würden, wenn sie allgemeine Macht in dieser Welt bekommen würden. Es ist die Frage, was gesellschaftliche Macht in einer weit mehrheitlich autistischen Welt überhaupt noch sein würde. Soetwas wie Promis würde es vermutlich schon noch geben? Einzelpersonen, die besonders viele Leute beeindrucken oder aufgrund irgendwelcher Umstände bekannt geworden sind? Medien dürfte es schon geben, wahrscheinlich wesentlich niveauvollere als heute. Ich vermute auch eine größere Vielfalt. Auch deswegen, weil ich davon ausgehe, daß so ein Wirtschaftssystem wie derzeit in dieser NA-Welt kaum in einer autistischen Welt vorzufinden wäre. Dafür bräuchte es Druck und Machtklüngel die die breite Öffentlichkeit von hinten bis vorne belügen und betrügen. Was denkst du, gibt es sowas wie Geld? Ich könnte mir gut vorstellen, daß es sowas in der Autistenwelt gar nicht gäbe. Vielleicht eher sowas wie eine Schenkwirtschaft, bei der sich Produzenten über Absatzzahlen freuen wie über Youtubeklicks und insbesondere mutwillige Verschwendung gesellschaftlich ähnlich wie eine persönliche Beleidigung geächtet wird. Einfach weil sie falsch ist. Ein Umstand, der dann ungünstig für die NA-Psychotiker-Minderheit wäre, die einerseits durchaus aus der eigenen Natur nach Anpassung strebt und sich dennoch irgendwie falsch fühlt und immer auch zur eigentlichen eigenen Natur zieht und darin dann wohl auch explosive Kräfte entwickeln könnte, die sich z.B. in wirren unverständlichen Schilderungen emotionaler Eindrücke äußern sollte. Die Frage wäre auch welchen Schaden eigentlich eine Minderheit von 1% NA-Psychotikern mit Intrigen in einer ansonsten autistischen Gesellschaft noch anrichten könnte. Oder anders: Wieviel der heutigen Kultur eigentlich eher zufällige Prägung und was der Kern durchschnittlichen Nichtautismus ist. Die Mehrheitsautisten wären vermutlich emotional nicht in einer Weise einsam, wie das in dieser Welt der Fall ist. Also gäbe es vermutlich zumindest weniger Ansatzpunkte?

Dieser Club war etwas, das außerhalb der offiziellen Unterrichtszeit stattfand? Ein Club von Schülern? Oder nimmt das auf das Klischee bezug, wie es in US-Teeniefilmen beliebt ist, wo dann die Nerds zum Vergnügen des hauptsächlich nichtautistischen Publikums zu NA-Schwachsinn bekehrt werden und das auch ganz super finden?
Zitat:
Da steht "der sich krank fühlt und für den es eine schulmedizinische Heilung gibt" und das ist für Schwule nicht drin.

Ja, das stand da und jetzt steht es wieder da. Aber ich glaube du hast das System noch nicht so richtig verstanden. Die NA-Wissenschaft stellt Kriterien auf. "Autisten schauen nicht in die Augen von Herrenmenschen" oder "Schwule wollen Sex mit Männern, obwohl Frauen doch viel sexier sind". Wer das Kriterium erfüllt, der ist krank. Die Kriterien sind die Krankheit. Wenn man nun also mit Folter und Verstümmelung einen Autisten dazu bringt in die Augen zu schauen, ist er geheilt, genauso wie der Schwule, der zumindest solange ihn jemand beobachtet nicht mehr Sex mit Männern sucht. Denn die Kriterien, die eigentlich mal beschreiben sollten, was man beobachtet hatte, werden nicht mehr erfüllt.

Kann es sein, daß es für dich ein Problem ist den Zeitgeist für eine systematische Herangehensweise einmal hinter dir zu lassen?
Zitat:
Aber weil es keinen "Diskriminierungsausgleich" gibt, sind Menschen darauf angewiesen, sich "krank schreiben" zu lassen.

Genau das muß geändert werden, ebenso wie die Diskriminierungsart "Behinderung" einmal systematisch definiert werden müßte. Das ist bisher ja auch noch nicht der Fall.
Zitat:
Da könnte man ja keine Millionen mehr an Banken verschenken

Millionen? Wo lebst du?
Zitat:
Diese Frau wurde vom System krank gemacht und nicht geheilt, sondern wieder funktionsfähig gemacht.

Weil die Kriterien der NA-Wissenschaft so sind, nach der "Heilung" definiert wird.
Zitat:
Nein, ist er nicht, aber wer hilft mir bei der Weltrevolution?
Das System ist nun mal eben da, die Gesellschaft hat sich nun mal so entwickelt, es ist nicht gerecht oder logisch, es ist einfach nur wie es ist.

Nun ging es hier aber darum diese Grundlagenbegriffe einmal in sinnvoller Weise objektiv zu definieren.
Zitat:
"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", sagte Brecht, will heißen: Erst mal den Arsch an die Wand und dann die Philosophen lesen.

Bisher ist mir nicht bewußt, daß schoneinmal jemand hier über Essensknappheit geklagt hätte. Und irgendwelche dekadenten Ansprüche irgendwelcher Ärsche sind für mich ehrlich gesagt auch nicht maßgeblich, egal ob Autist oder NA.
Zitat:
Baron-Cohen sehe ich sehr ambivalent.

Wie ich lese, hast du dich damit ernsthafter auseinandergesetzt als ich es bisher jemals getan hatte.
Zitat:
Ich kenne etliche Autisten, aber weder sind die Frauen äußerlich vermännlicht, noch sind die Männer das, was der Volksmund unter einer "Testosteronschleuder" versteht.

Aber er scheint mir ja davon auszugehen, daß irgendeine frühe Phase des Kindes durch einen hohen Testosteronwert entsprechend geprägt wird und das dann entscheidend sei? Denn daß autistische Frauen öfters "männliche Fingerlängen" aufweisen scheint mir ja schon so zu sein. Oder hat vielleicht noch niemand überprüft, ob das einfach mit der Körpergröße zu tun hat?
Es haben nur fast alle ein großes Problem damit, sich so zu verhalten, wie die Gesellschaft geschlechtsspezifisches Verhalten erwartet.
Zitat:
Das Thema der "unfreien Reizverarbeitung" - erst einmal weiß ich nicht, ob derjenige unfrei ist, der alle Reize verabeiten muss oder derjenige, der sich nicht aussuchen kann, was er verarbeiten will.

Freiheit ist faktische Wahlmöglichkeit? Das bedeutet nicht, daß Freiheit einfach zu leben ist.
Zitat:
Der einzige Zusammenhang, den ich da leider sehe ist der des Sozialisierungszwangs für Frauen. Männern sieht man es eher nach, Vollnerd zu sein. Von Frauen erwartet man, sich für andere zu interessieren und Empathie zu entwickeln. Egal, ob das Talent vorhanden ist oder nicht.

Verblüffenderweise gibt es ja auch total gegensätzliche Auffassungen, mit denen auch erklärt wird, daß mehr Männer diagnostiziert werden. Denn bei Frauen fällt autistisches Verhalten weniger auf - so dieser Denkansatz. Dann kamen da Sachen wie Fügsamkeit, etc. die eher dem weiblichen Rollenbild entsprechen würden.
Zitat:
Ich habe 10 Jahre gebraucht, um Emotionen an Gesichtern, Körpern und Stimmen zu erkennen, aber ich kann es jetzt besser, als die meisten anderen.

Tatsächlich? Eine Entwicklung der letzten fünf Jahre?
Zitat:
Warum eine ungefilterte Wahrnehmung zwangsweise eher zu rationaler als zu emotionaler Intelligenz (von der Grundveranlagung her) führt, liegt darin begründet, dass von Anfang an ein System erfunden werden muss, um das Wahrgenommene zu ordnen. In diesem System ist Platz für Hierarchien, Kategorien, Ordnungen. Das Selbst wird in den ersten Lebensjahren organisiert.

Wäre ein Ansatz.
Zitat:
In diesem System - dem Alltag eines Buchhalters der Wahrnehmungen - haben aber andere Menschen erst mal keinen Platz. Sie werden zerlegt in optische, akkustische, haptische und olfaktorische Reize. Dann werden sie einsortiert. Und das bleibt eine ganze Weile so.

Sehe ich eigentlich nicht so. Es ist eher die Frage was subjektiv gesehen Interesse findet. Sind es Menschen, Lebewesen? Ist es Technik? Sind es Formen von Gegenständen?
Zitat:
Einen anderen Menschen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen ist bei einem Autisten eine Frage der Reife.

Wenn da "Nichtautist" stehen würde, würde ich vielleicht zustimmen. Wenn du mich fragst können das schon viele kleine autistische Kinder ziemlich gut und sogar besser als NA-Kinder, die aber ihre kulturellen Normen weit mehr verinnerlicht haben und anwenden können.
 
 
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